Schmunzelecke „Weisch na?“

Vor 50 Jahren: Olympische Spiele in Mexiko 
pt) Im Oktober 1968 fanden die Olympischen Sommerspiele in Mexico-City statt, in einer Höhenlage von rund 2000m über Meer. Diese Spiele – von den einen im Vorfeld als gefährlicher Wahnsinn abgetan und von den anderen als neue Chance begrüsst – haben die Sportwelt und speziell die Leichtathletik so verändert, wie zuvor und danach keine Sportveran-staltung mehr. Die grosse Höhenlage musste von den Athleten in der Vorbereitung adaptiert werden und kreierte so das Höhentraining, welches vor allem für die Ausdauersportarten eine neue Ausgangslage schuf. Für die Wettkämpfe, bei denen Geschwindigkeit gefragt war, zeigte es sich, dass der geringere Luftwiderstand zu enormen Leistungsexplosionen in den Sprints und den flachen Sprüngen führte, und dazu kamen in der Leichtathletik die neuen Kunststoffbeläge auf den Anlagen oder die Sprungkissen bei den Vertikalsprüngen, welche einzelne Disziplinen grundlegend veränderten.

Für den TVU sorgten der Speerwerfer Rolf Bühler und der 3000m Steeple-Läufer Hans Menet dafür, dass es mitten im europäischen Herbst hiess: Daumen drücken!

Mexiko – wir kommen!

Rolf Bühler, die Überraschung mit dem Speer
Es war der 13.Juli 1968, beim zweiten SVM-Versuch des TVU im Letzigrundstadion. Ich sass als Speaker auf dem Hochsitz im Zielgelände, als plötzlich ein Aufschrei des Publikums von der Tribüne zu hören war. Als ich mich umdrehte, sah ich einen Speer gefährlich nahe bei der Rasengrenze im Boden stecken. Und Rolf Bühler, der Ostschweizer im Dress des TVU konnte am anderen Ende des Platzes jubeln. 80.32 m wurden gemessen. Neue persönliche Bestleistung und die Olympialimite von 79 m war geknackt. Das war die Sensationsmeldung aus der Leichtathletik an diesem Wochenende, wobei überall darauf hingewiesen wurde, dass Bühler nie ein Wintertraining absolviert hatte und auch sonst hauptsächlich von seinem Talent als Werfer und Tennisspieler zehrte. Die nötige Bestätigung mit einem Wurf von über 77 Meter schaffte Rolf schon knapp zwei Wochen später, und dann bei den Schweizermeisterschaften mit dem Sieg und der neuen persönlichen Bestleistung von 80.42 m überzeugte er auch noch die letzten Skeptiker. Alle drei Leistungen gelangen übrigens auf dem Letzigrund.

Hans Menet: was lange währt…
Ganz anders verlief die Qualifikationsperiode für den 3000m Steeple-Läufer Hans Menet, der nach seinen Schweizermeistertiteln in den beiden Vorjahren eigentlich für das Olympiateam gesetzt zu sein schien. Aber wie das in jenen Jahren in der Mittel- und Langstreckenszene so üblich war, versuchte er die Qualifikationslimite von Saisonbeginn an «mit der Brechstange» zu knacken und verzettelte so seine Kräfte mit viel zu vielen Rennen. Erst nachdem ihm seine Betreuer mitten in der Saison eine längere, intensive Trainingsphase fast ohne Rennen verordnet hatten, kehrte er mit voller Kraft ins Wettkampfgeschehen zurück und lief am 25. August in Zürich mit 8:37,8 einen neuen Schweizerrekord und unterbot damit die Qualifikationslimite um über 4 Sekunden. Hans war bereit für Olympia!

Höhentrainingslager und Reise nach Mexiko
Im September absolvierte das Schweizer Olympia-Team in St. Moritz ein Höhentrainingslager, und Anfangs Oktober flog die gesamte Schweizer Delegation, darunter 23 Athletinnen und Athleten aus der Leichtathletik, mit einem Sonderflug der Swissair via New York nach Mexico City und richtete sich dort, neben 5000 anderen Olympioniken im Olympischen Dorf ein. Über die Begegnungen dort und weitere persönliche Höhepunkte berichten Rolf und Hans an anderer Stelle.

Vorbereitungen und Wettkampf
Die frühzeitige Anreise der gesamten Schweizer Delegation diente auch einer möglichst guten Akklimatisierung und Gewöhnung an die Höhenlage. Die Vorbereitung auf die ersten Einsätze verliefen natürlich in einer völlig neuen Atmosphäre mit all den vielen Weltklasseathleten in den Trainingsstadien. Da war es schwer, sich richtig zu konzentrieren, und das Warten auf den Tag X mit dem ersten Einsatz war nervenaufreibend.
Leider verliefen bei beiden TVU-Athleten die Wettkampfeinsätze nicht wie erhofft. Rolf Bühler verpasste die Qualifikation für den Final klar.

Rolfs Fazit:
«Mit einem katastrophal schwachen ersten Wurf und mit zwei Nullern (je etwa 76m weit) schied ich im Vorkampf aus. Rückblickend war es wohl so, dass ich mein Pulver in den Wettkämpfen davor verschossen hatte, und nicht zuletzt muss ich sagen, dass ich für einen solch wichtigen Wettkampf schlicht und einfach nicht richtig vorbereitet war. Es hat sich gerächt, dass ich nie einen Trainer oder persönlichen Betreuer hatte.»

Hans schilderte seinen Steeple-Vorlauf so:
«Nach zwei Runden lag ich an der Spitze, vor dem späteren Bronce-Gewinner George Young (USA). Gut zwei Runden vor dem Ziel war ich immer noch «bei den Leuten», aber dann, wie aus heiterem Himmel kam der «Hammer» und aus war es mit dem Ziel, den Final zu erreichen. So bekam ich dann, ohne es zu wollen, viel Zeit um die anderen Wettkämpfe von der Tribüne aus zu verfolgen.»

Nach den Olympischen Spielen trennten sich dann die Wege der beiden Olympioniken. Rolf Bühler kehrte nach seinem Studienabschluss wieder in die Ostschweiz zurück, zum LAC Brühl St. Gallen und setzte seine Speerwerfer-Karriere auch bei einem beruflichen Auslandaufenthalt in Argentinien fort, mit dem Ergebnis, dass er 1972 Argentinischer Meister im Speerwerfen wurde und den argentinischen Rekord auf 74.24 m setzte. Er blieb aber Hobbyspeerwerfer ohne grossen Trainingsaufwand und warf 1986 als 44jähriger SVM-Joker für Brühl noch (mit dem neuen Speer) mit 64.28 m neuen St. Galler-Kantonalrekord.

Hans Menet startete nochmals durch und qualifizierte sich vier Jahre später erneut für die Olympischen Spiele, diesmal allerdings schon sehr früh in der Saison und ohne grossen Stress. In München reichte es leider ebenfalls nicht für den Final, denn mittlerweile hatten die Afrikaner, und ganz speziell die Kenianer, das Kommando in dieser Ausdauerdisziplin übernommen. Danach schloss Hans seine internationale Karriere mit insgesamt drei Schweizermeistertiteln und sechs verbesserten Schweizerrekorden auf der Steeple-Strecke ab. Dazu kamen noch eine ganze Reihe weiterer Medaillen auf anderen Langstrecken und mit den Staffeln des TVU.
Heute sind Hans und Rolf wieder miteinander verbunden, als Mitglieder bei den TVU-Oldies von TVU 60plus.

Unvergessliche Olympia-Erlebnisse

Rolf Bühler:
Wir sind auf dem Weg zum Mittagessen und da hält ein dunkles Auto gerade neben uns. Ein dunkelhäutiger Herr, zwischen 50 und 60jährig, steigt aus, kommt auf mich zu und sagt „I wish you good luck“ und schüttelte meine Hand. Ich hatte keine Ahnung wer das war, aber die Geste hat mir gefallen. Um mich herum plötzlich ein Riesengetümmel und Geschrei. «Das ist doch Jesse Owens!!!». Und er war es natürlich auch. Der bis dannzumal wohl berühmteste Athlet aller Zeiten schüttelte ausgerechnet mir die Hand. Das werde ich nie vergessen.
Beim Essen in der Mensa stehen wir Schlange. Vor mir ein grosser netter Mann. Ich habe ihn wohl ungewollt etwas gestossen, und er dreht sich um und sagt: «Nice to meet you. Enjoy the games!». Es war Ron Clarke, 17-facher Weltrekordhalter auf den Langstrecken und grosser Favorit dort. Ich bin nochmals fast in die Knie gegangen, darob, wem man hier alles persönlich begegnet. Ron Clarke hatte dann im 10’000er in der letzten Runde einen Höhenkollaps und wurde nur Sechster.
Die Eröffnungsfeier ist und bleibt das Highlight in meiner Sportkarriere. Einmarschieren mit deiner Mannschaft und den Offiziellen vor rund 80’000 Zuschauern. Und die sind da für DICH. Wunderbar! Das werde ich nie vergessen. Für einen Sportler kann ich mir nichts Schöneres und Emotionaleres vorstellen.

Hans Menet:
Mexiko hat mich sehr beeindruckt, da es für uns Schweizer ein Land mit einer völlig anderen Kultur ist. Die Leute waren damals unheimlich freundlich zu den Besuchern. Schon am Flughafen wurden wir von einer etwa 15köpfigen Musikgruppe mit einem «Ständchen auf Mexikanisch» empfangen.
Eines der grossen Highlights für mich war natürlich die Eröffnungsfeier. Sehr beeindruckend waren die vielen fröhlichen mexikanischen Leute, die eine Atmosphäre der besonderen Art schufen.
Von den vielen Höhepunkten in der Leichtathletik stach natürlich einer besonders hervor: Ich sah den Weitsprung von Bob Beamon auf die Fabelweite von 8.90 m aus nächster Nähe. Es war unglaublich, was er da vollbracht hatte. Niemand konnte es glauben, aber es waren wirklich 8.90 m!
Nach den Spielen hatten wir die Gelegenheit, auch Teile der mexikanischen Kultur zu bestaunen, zum Beispiel die Pyramiden von Oaxaca. Alles zusammen brachte mit zur Feststellung «Mexiko war wirklich eine Reise wert!»

(Erlebt und aufgeschrieben von Rolf Bühler und Hans Menet – zusammengefasst und weiterverbreitet von Peter Tobler)