Vor 75 Jahren: Bau des TVU-Skihauses

Vor 75 Jahren: Der TVU baut ein Skihaus
Das Jahr 1936 war politisch gezeichnet durch die vorangegangen weltwirtschaftlichen Krisenjahre und in Europa durch Vorzeichen eines sich anbahnenden Krieges. Im Sport galt das internationale Interesse den Olympischen Spielen im nationalsozialistisch geprägten Deutschland mit Gar­misch im Winter und Berlin im Sommer. Und in der Turn-Schweiz blickte man nach Winterthur, wo das Eidgenössische Turnfest anstand – ein grosses Ziel für den TVU. In Unterstrass lief alles in den gewohnten Spuren, bis im Februar 1936 vom Stoos die Kunde kam: „Die Skihütte Plätz ist abgebrannt!“ Das war der Auftakt zu einem neuen Kapitel im Vereinsleben des TVU.

Die Vorgeschichte
Am 16. April 1932 fand die Gründungsversammlung einer Skiriege als Untersektion des TVU statt, nachdem man im Jahre zuvor auf dem Stoos eine alte Hütte hatte mieten können. Diese Hütte „im Plätz“, auf 1200m ü.M, ziemlich weit vom Dorfkern entfernt, wurde nützlich eingerichtet und hatte mit Hans Bader einen ersten, sehr initiativen Hüttenwart. Fortan war die Plätz-Hütte für die Untersträssler das Zentrum ihrer wintersportlichen Aktivitäten und Ausgangs­punkt für wunderbare Wanderungen im Sommer. Auf dieser Basis wuchs die Mitgliederzahl der Skiriege rapid an und auch der Hüttenbetrieb rentierte, mit Jahresgewinnen von 250 bis 500 Franken in den folgenden Jahren. Da man von Anfang an den späteren Bau eines eigenen Skihauses ins Auge gefasst hatte, wurden alle Überschüsse in den sogenannten Hüttenfonds einbezahlt. So war man 1936 schon bei fast 2000 Franken „auf der hohen Kante“ angelangt, und mittlerweile waren auch alle jene Untersträssler, die man noch viele Jahre später mit dem TVU und dem Skihaus identifizierte, in leitenden Funktionen der Skiriege anzutreffen. Hans Bader als Obmann, Ernst Berger als Trainer, Götti Regli als Rennchef, Ernst Tobler als Tourenchef und Max Tobler als Schanzenchef. Dazu kamen mit dem Architekten Melch Schindler, dem Fuhrhalter Karl Dübendorfer und Paul Bänziger als Finanzfachmann, weitere Leute mit wichtigen Ressourcen beim künftigen Bau eines Hauses.
Die Zahl der skibegeisterten Untersträssler/innen, und damit auch die Mitgliederzahl der Skiriege, stieg und stieg, und die Platznot im „Plätz“ wurde immer grösser. So gesehen war der Brand ein wahrer Segen! – Am Morgen des Fasnachtsmontags war die Skihütte nur noch ein Haufen glimmender Asche, und die Un­tersträssler fanden für den Rest der Saison in der Sennhütte Stoos eine Notunterkunft.

Skihausbau in Rekordzeit
Von da an ging alles blitzschnell! Es wurde auf Blüemlisegg, etwa 80m höher als die alte Hütte, der nötige Blätz Bauland gefunden und gekauft.  In aller Stille erledigte man in den folgenden Wochen die nötigen Vorarbeiten, denn die turnerischen Vorbereitungen auf das „Eidgenössische“ durften ja nicht gestört werden. Triebfeder war wieder der unermüdliche Hans Bader.

Max Tobler schilderte einst die Vorgänge folgendermassen:
„Im Februar 1936 brannte die Skihütte ab und zwei Wochen später nahm mich Hans Bader am Sonntagmorgen auf dem Töff mit nach Chur zu Melchior Schindler. Der Architekt musste innert kürzester Frist ein Skihaus projektieren. Die sofortige Einberufung einer a.o. Vereinsversammlung scheiterte am Veto des TVU-Vorstandes, da im Juli das Eidg. Turnfest in Winterthur bevorstand. Kaum war das Turnfest vorbei (mit einer guten TVU-Leistung und 80 Mann bei den Marsch- und Freiübungen), bewilligte der Verein das Skihausprojekt. An Weihnachten war das Haus bereits notdürftig in Betrieb.“

Die reellen Daten sind noch imposanter:
–   8. August: a.o. GV mit einstimmigem Beschluss zum Bau eines Skihauses mit einer Bausumme
                    von 30’000 Franken.
– 24. August: Beginn des Aushubs auf Blüemlisegg.
– 24. Oktober: Aufrichtefest
– 29. November: Übergabe des Hauses zum Betrieb. Silvester/Neujahr konnte bereits im notdürftig
                       eingerichteten Haus gefeiert werden.

Im Jahr 1937 wurde von unzähligen freiwilligen Helfern aus dem TVU pausenlos an der Inneneinrichtung gearbeitet, so dass am 26. September 1937 die offizielle Einweihungsfeier auf dem Stoos durchgeführt werden konnte. Dazu reisten 200 Untersträsslerinnen und Untersträssler und viele Gäste in einem Extrazug der SBB in die Innerschweiz. Es war ein Riesenfest einer stolzen Festgemeinde – stolz auf das Gemeinschaftswerk, das in schwie­­ri­gen Zeiten rekordverdächtig schnell realisiert worden war.

Blütezeit von Skiriege und Skihaus
Das eigene Skihaus mit dem idealen Langlauf-Trainingsgelände im Finnenwald und der selber erbauten Schanze am Schelbert-Hügel brachte der Skiriege eine einzigartige Blütezeit, die über zwei Jahrzehnte anhielt. Zeitweise führte die Skiriege über 200 Mitglieder in ihren Listen. Es wurden Skikurse, Trainingswochenende und Wettkämpfe in grosser Zahl angeboten, und für die alpinen Skifahrer erbaute man am Skihaushang einen kleinen Teller-Skilift und konnte so den Gästen ein volles Angebot liefern. Dazu gehörte auch, dass in einem Anbau des Skihauses schon sehr früh die erste finnische Sauna der Schweiz eingerichtet wurde.
Das alles erlaubte es, das Skihaus –  hauptsächlich von TVU-Mitgliedern mit Anteilscheinen finanziert – trotz minimalen Pensionspreisen, stets positiv zu bewirtschaften, und es bot dem TVU eine ständige Wertsteigerung des Kapitals. Die Blüemlisegg auf dem Stoos wurde für viele Generationen von Untersträssler Familien zur zweiten Heimat, liebevoll betreut von Hans und Gritli Lussy, die zwischen 1945 und 1963 während fast 18 Jahren als Pächter wirkten. Während den Siebziger- und frühen Achzigerjahren fand der TVU in den Einheimischen Franz und Nelly Schelbert noch einmal ein Pächterpaar, welches über lange Zeit Kontinuität und Gemütlichkeit garantierte.
Legendär sind auch die vielen Feste, welche im Skihaus gefeiert worden sind. Über Silvester / Neujahr platzte das Haus mit seinen normalerweise 85 Schlafplätzen jeweils aus allen Nähten, waren doch manchmal deutlich über 100 Gäste zu Besuch. TVU-Skimeisterschaft oder der traditionelle 30km-Langlauf mit der Schweizer Spitzenklasse, waren weitere Anlässe, welche jeweils viel Volk auf den Stoos brachten. Und wenn es im TVU ein Jubiläum zu feiern gab, so landete man immer und immer wieder im Skihaus.

Nach fast 50 Jahren – das Ende
Mit dem Aufkommen neuer Skigebiete in der Innerschweiz und der kürzeren Verbindungen ins Bündnerland in den Siebzigerjahren, kam der Stoos als Ferien- und Wochenend-Skigebiet ziemlich unter die Räder. Auch die Unter­strässler fühlten sich ihrem Skihaus, das erst noch nur in einem mühsamen, halbstündigen Fussmarsch zu erreichen war, nicht mehr bedingungslos verpflichtet, und die Gäste aus Zürich blieben je länger, je mehr aus. Dazu kam, dass das Haus dringende Sanierungsarbeiten benötigte, welche ziemlich viel Geld verschlingen würden. Damit entbrannte eine engagierte Diskussion über Sanierung oder Verkauf, und als 1984 mit der Pfadi Flamberg-Stiftung eine Kaufinteressentin auftauchte, welche das Haus für rund 340’000 Franken erstehen wollte, da zeichnete sich das Ende der TVU-Ski­haus-Geschichte ab. Nachdem alle Möglichkeiten noch einmal ausführlich dargestellt worden waren, entschied man sich an der TVU-Abgeord­netenversamm­lung vom 7. März 1985 (mit über 100 Teilnehmern) klar mit 78 Ja zu 16 Nein für einen Verkauf.
Dass dieser Beschluss bei den noch lebenden Pionieren des Skihausbaus tiefe Narben hinterliess, war der hohe Preis für das rasche Ende einer nicht mehr zu haltenden Institution. Am 31. März 1985 fand auf dem Stoos das Abschiedsfest vom Skihaus statt, und 55 Gäste durften im gleissenden Pulverschnee noch einmal auf eine Vergangenheit zurück blicken, welche keine Zukunft mehr hatte. Und jedermann dachte an den aus Todesanzeigen so bekannten Satz: „Wir werden dich stets in guter Erinnerung behalten!“
Peter Tobler

 

Otto Graber – beim Skihausbau dabei!
pt) Otto Graber ist heute mit 93 Jahren eines der ältesten TVU-Mitglieder und wohl noch der Einzige, der beim Bau des Skihauses aktiv dabei war. Er erinnert sich:
Ich war 1935 als 17jähriger Lehrling zum TVU, und als Freund des Skifahrens auch in die Skiriege, gekommen. Es war Tradition, am Samstagnachmittag, nach der Arbeit, per Velo auf den Stoos zu fahren. Eine mühsame Angelegenheit, besonders dann, wenn wir an der Arther-Höhe im Aufstieg von Hans Bader auf dem Töff überholt wurden…
1937, als das Skihaus innen und aussen fertig gestellt wurde, war ich praktisch jedes Wochenende auf dem Stoos, um mitzuhelfen. Da die Damen einen eigenen Waschraum verlangten, entschloss man sich, im Keller noch einen weiteren Raum auszuheben, und zwar aus einem reinen Lehmboden. So wurden Fredy „Stümper“ Honegger, und ich, der „Otteli“ als die zwei Jüngsten, Max Tobler als Hilfe zugeteilt. Wir mussten den Lehm mit einer Karrette aus dem Keller, ums Haus herum an den Rand des Tobels karren, und ihn dann ins Tobel hinunter werfen, wie das jahrelang auch mit den Abfällen gehalten wurde…
Die Karrette war unheimlich schwer! Während Max die beiden Deichsel führte, zogen Fredy und ich vorne an zwei Seilen die Karre aus dem Dreck ans Tageslicht. Wie wir nach wenigen Minuten aussahen, kann man sich ja vorstellen. Am Abend, nach getaner Arbeit dann die Körperpflege: Max spritzte uns zwei „füdliblutt“ mit dem Schlauch ab, und das kalte Wasser sorgte für eine schockartige Erfrischung und für längere Zeit für eine gute Durchblutung…“