Rückspiegel: 50 Jahre Damenleichtathletik im TVU

Vor 50 Jahren wurden die Frauen im TVU „salonfähig“ 
Der Turnverein Unterstrass war bis 1968 ein reiner Männerverein, und das änderte sich erst, als im Oktober jenes Jahres die Leichtathletikabteilung erstmals ein Leichtathletiktraining für Mädchen und Frauen ausschrieb.  In der Vereinschronik war dies ein Vermerk von 8 Zeilen:
«Die Leichtathleten wollen und müssen sich der heutigen Zeit anpassen. So hat sich die LA-Kommission entschlossen, eine Abteilung für Damen-Leichtathletik ins Leben zu rufen.
Für das holde Geschlecht besteht eine Trainingsmöglichkeit jeweils am Freitag, in der Röslihalle, von 19.00-21.00 Uhr. Fachkundige Leichtathletik-Instruktoren leiten die Übungsstunden. Interessentinnen ab ca. 15 Jahren sind herzlich zur Teilnahme eingeladen. Am besten beginnen Sie mit dem Training sofort.
Die LA-Kommission»
Wahre Begeisterung tönt anders, und in der Vereinschronik dauerte es vier Monate, bis wieder etwas von der Damenleichtathletikgruppe zu lesen war. Im Bericht von der Jahresversammlung heisst es lapidar: «… und erstmals verschönerten einige Damen aus der kürzlich ins Leben gerufenen neuen Unterabteilung das Versammlungsbild.» Danach war wieder ein Jahr Funkstille, bis zum nächsten Versammlungsbericht.

Guter Einstieg und rasches Wachstum
Trotz diesem informationstechnisch äusserst bescheidenen Aufwand, fand sich aber nach den Herbstferien ziemlich rasch ein ansehnliches Grüppchen von angehenden Leichtathletinnen zusammen, um im TVU diese neue Möglichkeit auszuschöpfen. Die Gründe für den Beitritt der einzelnen Athletinnen mögen ziemlich weit auseinander gelegen haben, aber die Gruppe bildete bald eine starke Einheit, die sich mit voller Ernsthaftigkeit ins Training stürzte.
Die Trainer waren mit Edy Furrer und Arthur Merz die gleichen, welche im Jahr zuvor die Leichtathletik-Jugendriege ins Leben gerufen hatten. Sie konnten in der Turnhalle des Schulhauses Allenmoos einmal wöchentlich eine Halle zwei Stunden lang für die Damen freistellen und so dort den Trainingsbetrieb fast unbemerkt von den übrigen Leichtathleten aufbauen. Mit Emil Strebel, dem ehemaligen Stabspringer kam ein weiterer Instruktor dazu und vervollständigte das Leitungsteam, welches nun bestrebt war, die besten Voraussetzungen für ein Gedeihen des noch jungen Pflänzchens Damen-LA zu schaffen.

Erste Aufmerksamkeit im Gesamtverein
Ein erster Bildbericht in der Vereinschronik, etwa anderthalb Jahre nach dem Start, stellte die neuen Leichtathletinnen der Öffentlichkeit als «Tartan-Häschen» vor (ein Ausdruck, für den ich mich heute noch schäme! pt), weil doch die Gleichzeitigkeit mit der Einführung des neuen Kunststoffbelags in der Schweiz diese Verbindung so nahelegte…
Die Gruppe bestand damals schon aus rund 30 Athletinnen, und weil die Mehrheit von ihnen die Laufdisziplinen als Trainingsrichtung gewählt hatte, war es schon bald möglich, dass sie an den ersten Wettkämpfen teilnehmen konnten. Erste Aushängeschilder und treibende Kräfte der Gruppe waren damals die Geschwister Katja und Brigitte Arnold zusammen mit Marlies Zangger.
Am 18. April 1970 war es dann beim TVU-Früh­jahrsmeeting auf dem Sihlhölzli so weit. Die ersten vier Athletinnen gaben ihr Wettkampf-Debut bei schönem Wetter, starkem Herzklopfen und leichtem Gegenwind; und alle vier erreichten das Ziel. Der kurze Wettkampfbericht einer Läuferin schloss mit einem Dank an die Trainer Furrer, Merz und Strebel, mit dem Nachsatz: «Es ist sicher nicht immer leicht, Trainer einer wilden Mädchenschar zu sein, und wir hoffen, sie durch einen tollen Einsatz im Wettkampf zu belohnen.»
Dabei kamen die Leichtathletinnen gerade zur rechten Zeit, um das von den Männern neu kreierte TVU-Tenue, mit dem «U» auf der Brust und dem roten Punkt auf dem Rücken, vorzuführen. Und bald schon folgte auch der 1. SVM-Versuch, für den 4 Athletinnen ausreichten. Der Auftakt des Unternehmens «Damenleichtathletik im TVU» war geglückt, aber zu jenem Zeitpunkt hat wohl kaum jemand vorausgesehen, dass rund anderthalb Jahrzehnte später das TVU Frauen-Team für lange Zeit die Leaderposition in der Schweizer Frauenleichtathletik und insbesondere im SVM-Klassement der Kategorie A einnehmen würde. 

TVU-Leichtathletik mit neuer Führungsgeneration
An der LA-Jahresver­samm­lung im Frühjahr 1970 übernahm in der Leichtathletikabteilung des TVU eine neue Generation das Szepter. Peter Boesch als neuer Obmann und Jörg Schaad als Technischer Leiter präsentierten klare Ziele für die Zukunft, wobei allerdings die Frauen noch keine grossen Ansprüche zu erfüllen hatten. Die Frauenleichtathletik im TVU sollte sich erst einmal etablieren.

Neue Trainer, auch in der Damenleichtathletik
Das änderte sich schlagartig, als Peter Boesch und Ferdi Leeger, die beiden Hürdenläufer, ihre aktiven Karrieren beendeten und sich kurz darauf als neues Trainergespann bei der Damenleichtathletikgruppe zur Verfügung stellten. Als erstes holten sie die Leichtathletinnen vom Allenmoos und der Röslianlage aufs Sihlhölzli und bauten dort einen Trainingsstützpunkt der TVU-Damenleichtathletik auf.

                                                              Peter Boesch erinnert sich:
«Gegenüber dem LCZ und dem LC Turicum waren wir Nobodys, doch bald bildeten sich auch im Sihlhölzli Trainingsgruppen. Ausgezeichnete Trainer wie Chris Nüesch, Ernst Schmid, Ernst Gohl, Fredy Dubs, Alain Piaget und Armin Berner sorgten dafür, dass wir sehr bald Disziplinengrup­pen bilden konnten. Rasch hatten wir auch eine SVM Mannschaft zusammen und konnten später sogar den Meistertitel in der Kat. B und damit den Aufstieg in die Kat. A erreichen. Dank unseren hervorragenden Trainern fanden bald auch Athletinnen anderer Vereine den Weg ins Sihlhölzli und wurden zu unseren Aushängeschildern.»

TVU-Damenleichtathletik mit magischer Anziehungskraft
Mitte der Siebzigerjahre war die TVU-Damenleichtathletik bereits so gut organisiert und wies schon erste grössere Erfolge auf, dass von allen Seiten Leichtathletinnen, teils ganze Trainingsgruppen samt den entsprechenden Trainern, den Anschluss an den TVU suchten. Dabei hatten die Zuzüge aus Aarau mit Brigitte Wehrli und die Integration des LAC Rex eine speziell starke Wirkung, denn dadurch vertrat nun eine grosse Anzahl Athletinnen mit bereits bekannten Namen und sehr guten Leistungsausweisen den TVU in der Schweizer Spitzenleichtathletik, und der TVU wurde rasch zum führenden Verein auf dem Platz Zürich, und bald schon in der ganzen Schweiz. 1978 holte Brigitte Wehrli (später Senglaub) den ersten Frauen-Schweizermeistertitel für den TVU, und liess noch viele weitere folgen, mit dem Höhepunkt der Olympiaqualifikation von Brigitte für Moskau 1980.Und weil Erfolg ungemein anziehend wirkt, verstärkte sich das TVU-Team immer weiter. Martha Grossenbacher, Maggie Haug, Beatrice Ingold, Kathrin Lüthi, Sieglinde Cadusch, Sandra Crameri, Yvonne Rettig, Claudia Elsener und Michaela Keck, um nur die bekanntesten Namen zu nennen, begannen in den Achtzigerjahren für den TVU Medaillen bei den Schweizermeisterschaften zu scheffeln und hatten damit den früher so erfolgreichen TVU-Männern längst den Rang abgelaufen. Dabei verteilten sich die Spitzenathletinnen nicht nur auf die Läufe, sondern auch in den Sprüngen und Würfen feierte man grosse Erfolge. Damit war die Grundlage für das Highlight in der Schweizer Leichtathletik, der Sieg in der Schweizer Vereinsmeisterschaft (SVM Kat. A) gelegt. Was den Männern bisher ein einziges Mal gelang (im TVU Jubiläumsjahr 1964), schaff­ten die Frauen beim nächsten Jubiläum 1989 (125 Jahre TVU) schon zum fünften Mal. Von 1982 bis 1996 siegten die TVU-Damen nicht weniger als neun Mal und qualifizierten sich so jedes Mal im folgenden Jahr als Schweizer Vertretung für die Europäische Clubmeisterschaft. «Reisen nach Paris, Madrid, Portugal, Zypern etc. bleiben den Teilnehmenden in lebenslanger Erinnerung», schreibt Peter Boesch in einem Rückblick. Und noch an etwas anderes erinnert er sich sehr gerne:«Nebenbei sei erwähnt, dass wir zu richtigen Heiratskupplern wurden. Werner Lüscher und Heidi Happle wurden genauso ein Paar wie Sepp Dorfschmid und Marlies Zangger oder Rolf Bandi und Margrit Greber.»

Auch nach 50 Jahren immer noch erfolgreich
Dass die Erfolgsgeschichte der TVU-Frauenleichtathletik bis heute anhält, ist der stetigen Erneuerung des Trainer-Teams und den gefestigten Strukturen im LAC zuzuschreiben. Natürlich ist man zurzeit von der Dichte der Erfolgsmeldungen von damals einiges entfernt, aber gerade mit Petra Fontanive, welche ihren Karriereabschluss im vergangenen Jahr mit der WM-Teilnahme über 400m Hürden krönte, war lange Jahre ein positives Aushänge-schild der TVU Frauenleichtathletik vorhanden, und die nächsten Kandidatinnen dazu stehen schon bereit.

Wir wünschen für die nächsten fünfzig Jahre schon einmal viel Erfolg!

Peter Tobler

Damen-LA von einst:
Erinnerungen an den Anfang
50 Jahre sind eine lange Zeit, und doch sind in verschiedenen «Hinterköpfen» noch einige Erinnerungen erhalten geblieben:

Arthur Merz, Mitbegründer und erster Trainer der Damenleichtathletikgruppe
Nachdem wir 1967 aus der TVU-Jugend­riege eine «Leichtathletik-Jugi» für Spezialisten herausgelöst hatten, kam 1968 an einer Vorstandssitzung der LA-Abteilung die Feststellung: «Damen haben wir auch noch keine im LA!» Weil wir im Schulhaus Allenmoos neben dem Jugi-Training noch die eine oder andere Hallenstunde frei hatten, beschlossen Edy Furrer und ich, uns diesem Problem anzunehmen. Ein Zeitungsinserat brachte uns die interessierten Damen, und wir hatten bald einmal zwei Dutzend Teilnehmerinnen. Das Training lief etwa gleich wie bei der Jugi. Wir hatten noch keine frauenspezifische Trainingsmethoden.
Wir merkten allerdings schon im zweiten Jahr, dass der Betrieb von Jugendriege und Frauentraining für den einzelnen Leiter zu belastend war. Ich überliess Edy Furrer die Wahl, und er wollte Frauentrainer bleiben. So wechselte ich zurück als Hauptleiter der Jugendriege.

Katja Arnold, Athletin der ersten Stunde
(Aus dem Jubiläumsbuch «125 Jahre TVU») Mit zittrigen Knien und in Begleitung von Papi besuchte ich im Sommer 1969 das erste Training der TVU-Leichtathletinnen im Sihlhölzli. Nach einem strengen Wintertraining im Allenmoos-Schulhaus folgte im Sommer 1970 mein erster Wettkampf, ein 200m-Lauf. Zu viert absolvierten wir in jenem Jahr einen ersten SVM-Versuch, Marianne Urfer, Marlis Zangger, Heidi Schmid und ich. 1982 gewannen wir erstmas den Schweizer Mannschaftsmeistertitel (SVM) und durften im Jahr danachdank grosszügiger Sponsoren-Unterstützung an den Europacupfinal nach Paris reisen – ein unvergessliches Erlebnis.

Heidi Happle (heute Heidi Lüscher), ebenfalls von Anfang an dabei
Ich war nach der Schulzeit Mitglied in der Damenriege in Dietikon. Die wollten meinen Kolleginnen und mir etwas bieten und schickten uns in einen Leichtathletikkurs. Der fand auf der Steinkluppe bei Edi Furrer statt (Hürdentraining). In der Folge habe ich dann das Training im TVU besucht und verschiedene Disziplinen ausprobiert. Schliesslich habe ich mich dann für die beiden technischen Disziplinen Kugelstossen und Diskuswerfen entschieden. (Nach ihrer Karriere kehrte Heidi dann zu den Läufen zurück – als langjährige Starterin! pt)

Silvia Contestabile (heute Silvia Gisler)
Von Jung auf war ich immer am Internationalen Leichtathletikmeeting eine begeisterte Zuschauerin und dachte, das möchte ich auch mal machen. Als ich dann von Genf heimkehrte, wo ich nach der Lehre 1 ½ Jahre gearbeitet hatte, beschlossen Alice Maurer (eine gute Kollegin) und ich, einem Leichtathletik-Verein beizutreten. Die Wahl fiel auf den TVU, da dieser erst mit der Damen-Leichtathletik angefangen hatte und wir dachten, die sind sicher nicht schon weit fortgeschritten und darum nicht so sehr gut. So fallen wir als Anfänger weniger ab. Zudem war der TVU näher bei meinem Quartier (Wipkingen), wo ich aufgewachsen bin.
Meiner Erinnerung nach war ich bis zu dreimal pro Woche im Training: Allenmoos, Sihl­hölzli, Steinkluppe, manchmal im Letzigrund. Wir trainierten unter den Trainern Edy Furrer, Emil Strebel und Arthur Merz, Sprints, Dauerläufe, Hürden, Weitsprung, Diskus, Speer, usw. Zweimal (1969 und 1970) nahm ich am Pfingst-Trainingslager in St. Moritz teil. Wir übernachteten in der Jugi. Und da diese um 22 Uhr schliesst, war Walter Kammermann so nett, unten bei der Haustüre zu warten um jedem aufzuschliessen, der später heimkam. Im Nachhinein nochmals vielen Dank!
Ich erinnere mich auch noch, wie es im Sihlhölzli einmal hiess: Heute kommt Philippe Clerc ins Training, seid nett zu ihm, damit er zum TVU kommt und nicht zum LCZ geht…

Peter Boesch, LA-Obmann und Trainer der Damen-LA-Gruppe
Dank unserem hervorragenden Trainerstab und den guten Trainingsbedingungen wurden wir bald zu einem Anzugspunkt für Leichtathletinnen aus der näheren und weiteren Umgebung. Dabei war zum Teil auch ziemliches Verhandlungsgeschick von unserer Seite gefragt.
So mussten in Aarau intensive Verhandlungen geführt werden. Die Anfrage kam von einigen Athletinnen des BTV Aarau welche einen neuen Verein suchten. Damit wechselte Brigitte Wehrli, die beste Sprinterin der Schweiz, zusammen mit vier anderen Athletinnen zu uns, und mit ihnen kam auch ihr persönlicher Trainer Dieter Senglaub zum TVU. Einige Vereine neideten uns diesen Transfer, und so wurde an einer SVM in Magglingen Protest gegen die Starts von Bri­gitte im Unterstrass-Dress eingelegt. Die Sache konnte nach unserem Gegenprotest gelöst werden. 
Ein weiterer Höhepunkt war die Integration des LAC Rex. Gute Beziehungen zu Otto Brühl­mann und Denise Leuenberger brachten uns ins Gespräch, als der LAC Rex seine Aktivitäten einstellen wollte. Es waren viele Verhandlungen nötig, bis sich eine Lösung abzeichnete. Wir gewannen so mit Ruedi Meier einen ausgezeichneten Trainer dazu und grosse Verstärkung durch Silvia Baumann, die Geschwister Ritter und vor allem durch Myrta und Marco Heilig. Wichtig war aber bestimmt auch der Übertritt von Denise Leuenberger, denn damit gewan­nen wir nicht nur eine Mittelstrecklerin, sondern vor allem eine ausgezeichnete Kennerin der Schweizer Leichtathletik.

Ferdi Leeger, vom aktiven Hürdler zum Damentrainer
(Aus dem Jubiläumsbuch «125 Jahre TVU»)
1971 war Edy Furrer, mein ehemaliger Hürdentrainer, mit dem Aufbau der Damenabteilung bei den TVU-Leicht­athleten beschäftigt und brauchte Unterstützung. Der Anfang war rasch gemacht, und der weitere Weg führte uns vom allgemeinen Training bis zu den später üblich werdenden Disziplinentrainings; wir wurden von Allroundern zu Spezialisten. Es waren natürlich enorme Änderungen von den Trainings mit 30-40 Mädchen in einer Halle bis zur kleinen Disziplinengruppe mit entsprechend höherem Leistungsniveau. Dazu musste man sich laufend an neue äussere Bedingungen gewöhnen: von der Aschenbahn (oder den bei Turnfesten üblichen, holperigen Wiesenbahnen) zu den neuen Kunststoffanlagen, welche auch bei den Wettkampfschuhen grosse Änderungen hervorriefen. Und auch die technischen Revolutionen in einzelnen Disziplinen, die gerade in der Gründungszeit der TVU-Damen-LA aufkamen (Fosbury Flop im Hochsprung, Glasfiberstäbe im Stabhochsprung) stellten gerade für die Trainer grosse Herausforderungen dar.

(Zusammenfassung: P.T.)