Rückspiegel: 100 Jahre TVU Vereinschronik

Die TVU Vereinschronik wird in diesem Jahr 100 Jahre alt, eine Tatsache, die wohl nicht manchem TVU-Mitglied von heute geläufig ist. Es lohnt sich deshalb sicher, uns mit der Geschichte eines der Felsen in der TVU-Brandung etwas näher auseinander zu setzen.

Gründung auf private Initiative hin
Mitten im ersten Weltkrieg unternahm der damalige TVU-Oberturner Jacob «Schaggi» Kopp einen ebenso mutigen wie weitsichtigen Versuch, seinem TVU eine neue Verbindungsmöglichkeit zu geben; ein Mitteilungsblatt, das er TVU Vereinschronik nannte. Die Einsicht, dass die besten turnerischen Voraussetzungen nichts nützten, wenn sie nicht kommuniziert werden konnten, war eine sehr wichtige Erkenntnis in jener Zeit. Die Herausgabe einer Vereinszeitung auf eigene Kosten wurde durch den Umstand begünstigt, dass er und sein Bruder Walter im Familienunternehmen «Buchdruckerei Kopp-Tanner, Söhne» arbeiteten und damit für ein solches Unterfangen natürlich optimale Voraussetzungen vorhanden waren.
Im Juni 1917 erschien die erste Ausgabe mit 8 Seiten im A5-Format. In seinem Begleitwort in jener Nummer schrieb Kopp: «Die Vereinschronik soll den Mitgliedern Gelegenheit geben, sich gegenseitig auszusprechen über die Bedürfnisse des Turnwesens, Klagen vorzubringen und Vorschläge zu machen, wie eventuelle Übelstände beseitigt und Verbesserungen ermöglicht werden können. Durch die Kriegswirren sind so viele alte Freundschaften gestört oder ganz zerrissen worden, und es ist schwierig, neue anzuknüpfen und dauern zu erhalten. Da soll unsere Vereinschronik die Brücke bilden zwischen den Alten und Jungen, neue Verbindungen ermöglichen und die alten festigen und vertiefen.»
Dass die «Chronik», wie sie bald allgemein genannt wurde, zu einem Diskussionsforum unter den Mitgliedern werden würde, blieb von damals bis heute ein frommer Wunsch, aber die Tatsache, dass damit Verbindungen innerhalb des Vereins zwischen Alt und Jung und später dann vor allem auch zwischen den einzelnen Riegen des Vereins entstehen konnten, und dass der Informationsfluss zwischen dem Vorstand und den Mitgliedern extrem vereinfacht wurde, trug ohne Zweifel zur Beliebtheit und zur Unentbehrlichkeit des neuen Mediums bei.

Der Verein übernimmt die Verantwortung
Diese Vorteile erkannte auch die Vereinsführung bald, und im Jahr 1919 übernahm der TVU die Verantwortung und die Kosten für seine neue Vereinszeitung. Erster Redaktor wurde der damalige Ehrenpräsident Jean Vollenweider, der nach dem Oberturner- und dem Präsidentenamt damit auch noch die dritte exponierte Position im TVU bekleidete, und zwar bis zu seinem Tod im Jahre1926.
In den 100 Jahren der Geschichte der TVU-Chronik gab es nur 10 Redaktoren, was beweist, dass stets eine grosse Kontinuität in der Meinungsbildung unseres Vereins bestand.

Vom Goldesel zur Finanzlücke
Von Anfang an waren die Inserate-Einnahmen der wichtigste Bestandteil im Finanzhaushalt der Chronik, und in den ersten sechzig Jahren des Bestehens war auch das Requirieren von Inseraten kein so grosses Problem, weil erstens jahrelange Inserentenbetreuer wie z.B. Ueli Gugerli oder Cory Schait hervorragende Arbeit leisteten, aber auch, weil die Geschäfte und Firmen im Quartier (oder von TVU-Mitgliedern) der Chronik eine grosse Solidarität ausdrückten und die Vereinszeitung durch ihre jahrelangen Insertionsbestellungen unterstützten. Und wenn’s wieder einmal knapp wurde, dann waren immer noch die Kopps da, welche selbstlos die Rechnung wieder ausglichen. Das ging so weit, dass die später eingeführten Neujahrsglückwünsche der Mitglieder in der Januar-Nummer sozusagen zum «Bonus» für den TVU wurden und Jahr für Jahr mehrere hundert Franken in die Vereinskasse «spülten».
Erst als dann nach dem Tod von Walter Kopp Jun., also der dritten Drucker-Generation, Ende der Achtzigerjahre die Druckerei geschlossen wurde und damit auch die bisherigen «Subventionen» ausblieben, fiel es dem TVU-Vorstand wie Schuppen von den Augen, wie teuer die Herausgabe einer eigenen Vereinszeitung eigentlich war, umso mehr, als die Inserate-Einnahmen und der Umfang der Chronik einander diametral zuwiderliefen. Es blieb nichts Anderes übrig, als die Mitglieder an der Bezahlung der Chronik zu beteiligen, und zwar über den Kostenanteil für die Vereins-Administration. Dieses Vorgehen wurde dabei durch mehrere Umfragen im Laufe der Zeit von den Mitgliedern immer wieder bestätigt, so dass die Vereinsangehörigen heute wirklich zu Recht von «unserer Zeitung» sprechen können.

Qualitätsbeiträge statt blosse Information
Der Erfolg der TVU-Vereinschronik basierte schon von Anfang an darauf, dass sie nicht nur ein Bulletin mit Verlautbarungen des Vorstands und später eine Resultat-Statistik sein wollte, sondern die Leser immer auch mit wichtigen Gedanken von ausgewählten Persönlichkeiten unterhielt. Es war kein Zufall, dass viele der Redaktoren aus dem Lehrerberuf stammten, denn die waren sich gewöhnt zu schreiben, aber hatten auch Übung darin, interessante Personen für spezielle Beiträge zu gewinnen, um so den Horizont der Zeitung zu erweitern. Dazu war ihnen das Redigieren und Korrigieren schon von Berufs wegen ins Blut übergegangen. Natürlich drehten sich die meisten Beiträge ums Turnen und die Kameradschaft und Freundschaft im TVU. Aber es gab durchaus auch Blicke über den Zaun hinweg und den Vergleich mit anderen Sportarten. So bildete die TVU-Chronik in jeder Nummer ein buntes Kaleidoskop aus offiziellen Meldungen aus dem Vorstand, Vorschauen und Berichten von wichtigen Turnanlässen sowie Betrachtungen über grundsätzliche Dinge oder Vorschlägen für Änderungen und Verbesserungen im Vereinsbetrieb. Besonders beliebt waren auch die fixen Rubriken wie etwa die «Turnerfamilie» (später TVU-Schaufenster) mit Meldungen und Grüssen von einzelnen Mitgliedern, Anzeigen von Geburten, Hochzeiten und Todesfällen, ganz im Stil von «Glanz und Gloria». Dazu wurden in der Chronik immer wieder Aktionen für die einzelnen Riegen oder für spezielle Anlässe lanciert, welche meistens von grossem Erfolg gekrönt waren, weil die Mitglieder des gesamten Vereins eben direkt angesprochen wurden. Dabei konnten die Teilnehmer anmelden, was sie für ganz spezielle Leistungen zu spenden bereit wären (Tore der Handballer, Medaillen der Leichtathleten, TVU-Olympiateil-nahmen etc.)
Mit dem Aufkommen immer neuer Unterriegen stieg natürlich auch der Wunsch nach mehr Platz für deren Anliegen. So wuchs die Chronik von den 8 Seiten pro Monat (davon mehr als die Hälfte mit Inseraten belegt) bis auf durchschnittlich 24 Seiten heutzutage (davon leider nur noch etwa ein Achtel mit Inseraten). Zwischen 1959 und 1991 hatte auch der Damenturnverein Unterstrass jeweils eine Seite für sich zur Verfügung, obwohl er ja nicht Teil des TVU war.

Hans Gasser, der Turner-Poet
Über Jahrzehnte garantierte ein Name die Qualität der TVU-Vereinschronik: Hans Gasser. Der Bäckermeister, der in Bümpliz bei Bern aufwuchs und im dortigen Turnverein seine Sporen, auch als Schreiber von Beiträgen im «Bümplizer Turner», abverdiente, war ein Ausnahmetalent. Nach seiner Übersiedlung nach Zürich, wo er beim Irchelpark eine Bäckerei/Konditorei und später das legendäre Café Gasser führte, war es nur logisch, dass er im TV Unterstrass eine neue Heimat fand. Während er von Berufs wegen kaum richtig aktiven Sport treiben konnte, blieb er seinem Hobby treu und machte seine Gedanken rund ums Turnen und die dort herrschende Kameradschaft weiterhin in schriftlicher Form der Öffentlichkeit zugänglich. Die TVU-Chronik profitierte davon extrem, denn seine liebenswürdigen, mal schalkhaften, mal tiefgründigen Betrachtungen über das Turnerleben vor und nach dem zweiten Weltkrieg wurden zu Höhepunkten und zu Leserschafts-Magneten in unserer Vereinszeitung. Viele der hunderten von Beiträgen und Turngedichten erreichten via die Schweizer Turnzeitung auch eine weitere Öffentlichkeit und fanden auch dort grosse Beachtung. Im Vereinsleben waren vor allem die Berichte von grösseren Anlässen oder Turnfesten, welche Hans in Prosa oder in Gedichtform seitenlang zelebrieren konnte, die Highlights des Monats. Und er begann auch, seine Rubrik «Turnerfamilie» mit den Meldungen aus TVU-Kreisen mit Vierzeilern zu garnieren, die ihm morgens in aller Frühe, in der Backstube «zuflogen», und die er dann abends in die Schreibmaschine «hackte». Als 1958 kein neuer Redaktor für die TVU-Chronik gefunden werden konnte, übernahm er auch dieses Amt noch für mehr als 10 Jahre. Als Hans Gasser im Sommer 1970 starb, da verstummte eine wichtige Stimme der Turnerei, welche nicht nur euphorisch lobte, sondern oftmals auch mit Charme und Stirnrunzeln auf Auswüchse hinwies, welche sein geliebtes Turnen zu zerstören drohten.

Der Kampf ums Überleben der Chronik
In den folgenden Jahren versuchten die Nachfolger von Gasser mit Erfolg, das Label der «Qualitätszeitung» aufrecht zu halten, und wenn man den Reaktionen, auch von Lesern ausserhalb der TVU-Familie, Glauben schenken darf, gelang das ganz gut, denn verglichen mit den meisten Vereinspublikationen, welche reine Mitteilungsblätter waren, fanden sich beim TVU doch immer wieder Artikel, welche zu grösserer Beachtung und auch kontroversen Diskussionen führten. Die Einführung eines Leitartikels steigerte das Interesse an der Innen- und Aussensicht der Vereinschronik weiter.
Die Revolution im Druckergewerbe in den Achtzigerjahren führte dann dazu, dass sich mit dem Wechsel vom Buchdruck zum Offsetdruck der Chronik ein neues Kleid verpassen liess, welches den Text im Zweispaltensystem besser präsentieren und vor allem viel stärker mit Bildern auflockern konn­te, denn nun fielen die hohen Cliché-Kosten für die Fotos weg. Aber die Produktionskosten stiegen trotzdem, und die vielen «Goodwill-Inserate», welche die Chronik jahrzehntelang über Wasser gehalten hatten, verschwanden je länger, je mehr, sobald die Inserenten eine Kosten-Nutzenrechnung anstellten. Dazu kam die fortschreitende Digitalisierung, welche die gedruckten Medien immer mehr an den Rand drängte. Aber die Chronik überlebte dank dem Willen der Mitglieder, nicht zuletzt, um als Bindeglied zwischen den Alten, noch «analogen» Mitgliedern und den Jungen zu wirken, welche als voll digitalisierte Generation auf eine Zeitung im eigentlichen Sinne nicht mehr angewiesen wären. Seit 1990 leitet Ruedi Kern als Redaktor und Gestalter die Geschicke der Vereinschronik und kann dabei auf eine grosse Zahl von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Bild und Text aus den einzelnen TVU-Vereinen zählen.
Auf diese Art hat die TVU-Vereinschronik nun den 100. Geburtstag erreicht und geht mit den 101. Jahrgang trotzdem in eine ungewisse Zukunft, welche hauptsächlich davon abhängig ist, wie lange noch die Hauptexponenten der Produktion den grossen Aufwand für die Zusammenstellung und die Verarbeitung der Zeitung leisten können oder wollen. Es dürften die pragmatischen Verhältnisse sein, welche in naher Zukunft über die weitere Existenz eines Experiments entscheiden werden, welches vor hundert Jahren von einer mutigen Generation von Leadern im TVU gestartet und entwickelt worden ist.

Die TVU-Chronik hat den ihr zugedachten Zweck ein Jahrhundert lang bestens erfüllt! Das ist das schönste Kompliment an diese wichtige Institution im TVU.

Peter Tobler

 

Christian Kohli, ehemaliger TVU Präsident und langjähriger Obmann der Redaktionskommission schaut zurück und erinnert sich!

Einen so grossen, polysportiven Verein, wie den TVU, hätte ich mir nie ohne ein Vereinsheft, das über die vielen Aktivitäten orientiert, vorstellen können. Wie wichtig das Vereinsorgan als Bindeglied zwischen den Turnern, Leichtathleten, Handballern und „Skirieglern“ ist, welches so die Zusammengehörigkeit fördert, wurde mir besonders in den 70er-Jahren als Präsident (1962-67) und Verantwortlicher vieler Grossanlässe bewusst. Die „Chronik“ war eine riesige Hilfe und erleichterte damals z.B. das Gelingen von:
– Teilnahmen an Eidgenöss. Turnfesten mit der grössten Sektion (128 Aktive)
– Durchführung des Kantonal-Turnfests 1970 in Zürich-Oerlikon
– Abendunterhaltungen mit einem grossen, spartengemischten Publikum
– Anlässe aller Art und aller Riegen/Untervereine, (usw,usw)

1967 übernahm ich vom Turnerideologen Hans Gasser das Szepter und blieb dem Vereins-sorgan rund zwei Jahrzehnte lang treu als Obmann, Redaktor oder Kommissionsmitglied. Schon 1970 übernahm Peter Tobler die Verantwortung für den redaktionellen Teil. Seither ist er mit wenigen Un­terbrüchen die eigentlich treibende Kraft des Vereinsorgans, und ihm verdanken wir dessen hohes Niveau.
Schwierig war es früher immer wieder, Berichterstatter zu finden und sie an die termingerech- te Ablieferung ihrer Beiträge zu gewöhnen. Sorgen bereiteten bald auch die Finanzen, da seit Ende der 90er-Jahre eine effiziente Inserenten-Betreuung fehlt und die VO-Kosten von den Mitgliedern getragen werden müssen. Erstaunt habe ich die Ergebnisse neuerer Umfragen zur Kenntnis genommen, wonach trotz den heutigen elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten noch viele, auch jüngere, Mitglieder Anhänger einer gedruckten Version sind. Eine Arbeits-gruppe befasst sich momentan mit der Problematik. Wie auch immer entschieden wird, eine vollumfängliche, zentrale Orientierung über das Geschehen im grossen TVU ist absolute Pflicht.
Christian Kohli

–  100 Jahre TVU-Vereinschronik im Zeitraffer

–  Alle Titelblätter der Vereinschronik seit 1917