Rückspiegel: Vor 60 Jahren: Melbourne-Boykott

Die dümmste Schweizer Sport-Aktion aller Zeiten! 

1956, elf Jahre nach dem Ende des zwei­ten Weltkriegs, blickte die Welt gebannt nach Osteuropa, wo sich einzelne Nationen gegen die Bevormundung durch die Sowjetunion zu wehren begannen, allen voran die Ungarn, die im Sommer den Aufstand wagten. Im Oktober eskalierte dann die Krise, und am 4. November beendete ein gewaltsamer, blutiger Einmarsch der Sowjetarmee -, unter weltweiten Protesten – den ungarischen Traum. Und zweieinhalb Wochen später sollten in Melbourne die ersten Olympischen Spiele auf der südlichen Halbkugel eröffnet werden. Damit waren die Grundlagen für ein Schweizer Sportdrama gelegt, welches auch den TVU ganz direkt betreffen sollte.

melbourne1956-signetDer ETV beschliesst kurzfristig: „Boykott gegen Olympia!“
Der Eidgenössische Turnverein liess sich von der aufgeheizten Stimmung in der Schweiz anstecken und beschloss kurzfristig, die Olympischen Spiele in Melbourne zu boykottieren, weil man den Sportlern nicht zumuten könne, gegen sowjetische Athleten im Wettkampf anzutreten. Dem ETV gehörten die Kunstturner und ein Teil der Leichtathleten der 43köpfigen Delegation an, und der ETV hatte einiges an Gewicht, denn die Kunstturner waren damals fast sichere Medaillen-Garanten. Die übrigen sechs Sportverbände der Leichtathleten (SALV), Schwimmer, Ruderer, Schützen, Fechter und Fünfkämpfer dachten nicht daran, zu boykottieren, sondern wehrten sich beim Schweizer Olympischen Komitee (SOC). Dieses fasste allerdings den folgenschweren Entschluss: „Entweder alle oder niemand!“ Und weil der ETV nicht klein beigab, beschloss das SOC, die Spiele zu boykottieren und startete damit die dümmste Schweizer Sportaktion aller Zeiten. Sie war nämlich ebenso unüberlegt wie dämlich organisiert. Alle anderen 67 melbourne-eroffnungNationen dachten nämlich nicht einmal im Traum an eine solche Aktion, und selbst die ungarischen Sportler waren ohne Einschränkung bei Olympia dabei.
Weil das Internationale Olympische Komitee (IOK) seinen Sitz ja schon länger in der Schweiz (Lausanne) hatte, war man dort verständlicherweise höchst ungehalten über diesen Schweizer Verzicht und übte ziemlichen Druck auf das SOC aus. Die SOC-Bosse bekamen deshalb kalte Füsse und machten den Boykott rückgängig, scheiterten aber schliesslich daran, dass es nun keine Transportmöglichkeiten mehr nach Australien gab… Die eine Athletin und die 29 Athleten aus nicht ETV-Verbänden mussten also zuhause bleiben, während die gesamte übrige Sportwelt Olympische Spiele feierte und vom Schweizer Boykott nicht nur überhaupt keine Notiz nahm, sondern die naiven Schweizer auch noch auslachte.

Die Folgen waren verherend
kunstturner-sui-1956Die Auswirkungen des Boykottversuchs waren international zumindest für den ETV brutal, denn seine Vorherrschaft im Kunstturnen war von einem Tag auf den anderen dahin, weil in einer Sportart, in der die Kampfrichter das Sagen haben, und in welcher Osteuropa sehr gut vertreten ist, es ein Leichtes war, gegen die Schweizer den „Hammer“ anzusetzen. Die Hegemonie des Schweizer Kunstturnens war für Jahrzehnte vorbei.
Aber auch für den TVU waren die Folgen folgenschwer, denn unter den 11 qualifizierten Leichtathleten waren mit Sepp Huber und René Weber gleich zwei Untersträssler dabei. Dazu war der eigentlich leistungsmässig ebenfalls qualifizierte Fritz Griesser schon im Vorfeld durch einen Entscheid am grünen Tisch vom Sportverband ausgehebelt worden. Und der Boykott verhinderte auch die Australienreise der beiden anderen TVU-Sprinter. Die tvu-sprinter-1956Enttäuschung und die Wut auf den ETV waren entsprechend gross und führten dazu, dass die Weber Zwillinge zum LCZ, dem grossen Zürcher Rivalen, wechselten, denn der war ja im anderen Verband, dem SALV. Dieser Affront der beiden aus der eigenen Jugendriege hervorgegangenen Sprinter war vor allem für ihren Betreuer Max Tobler ein schwerer Schlag, an dem er noch lange zu kauen hatte. Und das Verhältnis der beiden Verbände SALV und ELAV (aus dem ETV) war fortan noch vergifteter als zuvor, und es brauchte ganze 16 Jahre, bis es 1971 endlich zu einem Einheits-Leichtathle­tik­verband (SLV) kam. Der andere Qualifizierte, Sepp Huber, beendete aus der Enttäuschung heraus seine Leichtathletikkarriere frühzeitig (siehe Käst­chen).
Damit war mit einem Schlag aus der während Jahren fast unschlagbaren 4x100m Staffel des TVU mit Huber, Griesser, E.Weber und R.Weber, welche 1955 und 1956 jeweils überlegen Schweizermeister und Rekordhalter geworden war, nur noch Fritz Griesser übriggeblieben, und der setzte seine Karriere als Sprinter fort. Aber er hatte natürlich Olympia schon erlebt, vier Jahre vorher in Helsinki.
boykott-opfer-mider-vetterli-gloggerEinige Boykott-Geschädigte machten ihrem Frust auf andere Weise Luft. Angeführt von den Medaillenkandidaten im Modernen Fünfkampf Werner Vetterli und Hardy Minder, gründeten die 30 Geprellten (ohne die Turner des ETV) in der Zürcher Öpfel­chammere den sogenannten „Melbourne-Club“. Sie trafen sich jedes Jahr im November in Erinnerung an den Boykott und ergingen sich in wüsten Verwünschungen gegen die als eigentliche Motoren des Boykotts ausgemachten Sepp Stalder (Olympiasieger im Kunstturnen) und Regierungsrat Walter König aus dem Kanton Zürich als politischem Drahtzieher.
Auch wenn man zugeben muss, dass in Turnerkreisen, auch im TVU, viel Verstän­d­nis für den Boykott zu finden war, zeigte es sich in der Folge bald überall, wie leichtsinnig, doof und unwirksam diese Aktion gewesen war. Ein Eigentor mit Anlauf! Das sollte eigentlich eine Lehre gewesen sein, für alle weiteren politischen Entscheide der Sportverbände.
Denkste!
os-moskau-1980Der ETV, nun unter dem neuen Kürzel STV (Schweiz. Turnverband, nach der Fusion der Frauen- und Männerverbände 1973), schaffte es 24 Jahre nach Melbourne noch einmal, Olympische Spiele zu boykottieren. 1980 waren erneut keine Turner/innen in Moskau dabei. Diesmal hatte aber das SOC den einzelnen Verbänden die Entscheidung über ein Fernbleiben überlassen, so dass nur gerade die Turner, Schützen, Reiter und die Modernen Fünfkämpfer von den olympic_flagwichtigsten Verbänden boykottierten. 10 Sportarten mit 73 Teilnehmerinnen und Teilnehmern waren in Moskau vertreten. Sie traten allerdings nur unter der Olympischen Flagge an.

Das brutale Fazit für unsern Turnverband aber heisst nach diesen Vorfällen:
„Lernfähig ist der sicher nicht…“

Peter Tobler

–  Glück im Unglück trotz Olympia-Boykott

–  Fons Kümin, unser Mann in Melbourne

–  Olympia-Kaleidoskop