Nachruf für Franz Kälin (10.2.1945 – 29.3.2017)

Ein grosser Untersträssler hat uns verlassen! 
Es herrschte weitherum blankes Entsetzen und völlige Ungläubigkeit, als am Abend des 30. März die unfassbare Nachricht im TVU die Runde machte, dass Franz Kälin am Vortag bei einer Ausfahrt mit dem Velo ins Zürcher Oberland an einem Herzinfarkt gestorben sei.

Ausgerechnet Franz, der doch mit 72 Jahren immer noch die personifizierte Gesundheit aus­gestrahlt und zweimal wöchentlich ein Fitnesstraining für „ältere Semester“ geleitet hatte. Von einer Sekunde auf die andere sollte sein ansteckendes Lachen verstummt und seine stets gute Laune Vergangenheit sein? Das Entsetzen wich einer grossen Traurigkeit und Leere bei allen, die Franz gut gekannt und ihn als feinen Kameraden im TVU schätzen gelernt hatten.

Mit Franz Kälin verliert der TVU eine der zentralen Persönlichkeiten der letzten 40 Jahre.
Es war ein wahrhaftiger Glückfall als der noch nicht zwanzigjährige Franz Kälin aus Einsiedeln (dort bekannt als „Post-Fränzelis Franz“) nach Zürich zur beruflichen Ausbildung kam und in einem Lehrlingsheim im Quartier Unterstrass Aufnahme fand. Damit war auch der Kontakt zum TVU rasch hergestellt, und dort speziell zu den Leichtathleten. Franz war schon in jungen Jahren ein begabter Mittelstreckler, der über 800m rasch einmal zu den Leistungsträgern gehörte. Weil Franz im Anschluss an die Lehre aber auch im Militär Karriere macht und damit viele Wochen und Monate nur unter erschwerten Bedingungen oder gar nicht trainieren konnte, vermochte er seine Leistungsfähigkeit nie vollständig auszureizen, so dass sich die grossen Erfolge auf diesem Gebiet nie ganz einstellen wollten.

Grosse Erfolge als Trainer
Dafür war er bei seinem nächsten Schritt dann ungleich besser dran, denn als SLV-Nach­wuchs­trai­ner erspähte und trainierte er manches Talent und führte den Nachwuchs erfolgreich in die Aktivkategorien. Im TVU trainierte Franz ab Mitte der Siebzigerjahre die Eliteläufer unter den Mittelstrecklern, und dort gelang ihm etwas, was nicht manchem Schweizer Trainer vergönnt ist. Sein besonderer Schützling Gerd Kilbert erspurtete sich an den Halleneuropameisterschaften 1988 in Budapest die Broncemedaille über 800m.

Ein Leben für den Sport
Zu diesem Zeitpunkt hatte Franz Kälin im TVU aber schon viele weitere „Duftmarken“ gesetzt. Er hatte sich Anfang der Achtzigerjahre entschlossen, den Sport zu seinem Beruf zu machen und wurde 1984 von den TVU-Leichtathleten als erster halbamtlicher Technischer Leiter angestellt. Dabei harmonierte das Führungsduo mit Peter Boesch als Präsident des LAC und Finanzbeschaffer und Franz Kälin als versiertem Organisator und Trainingsleiter hervorragend und leitete eine Phase ein, in der vor allem die Damenleichtathletinnen schweizweit und international grosse Erfolge feierten und als Team in der Schweizer Vereinsmeisterschaft über ein Jahrzehnt lang fast unschlagbar waren, was immer wieder Europacupeinsätze im Ausland mit sich brachte. Franz sorgte dafür, dass die Disziplinentrainer im TVU, auch bei den Männern, immer unter sehr guten Verhältnissen arbeiten konnten, was sich regelmässig auch in Meisterschaftsmedaillen im Nachwuchsbereich und in den Elitekategorien niederschlug.

Modernisierung des TVU
Als nach der Schaffung eines Zentralsekretariats im TVU 1986 der Gesamtverein eine neue Struktur erhielt, da ergaben sich perfekte Synergien, und Franz Kälin konnte zusammen mit dem LA-Halbamt einen Fulltime-Job als Zentralsekretär des TVU übernehmen und wurde so zum ersten Profi in unserem Vereinsbetrieb. Entsprechend gross war nun seine Macht, aber auch seine Verantwortung dem TVU gegenüber, denn er sollte den Verein von einem herkömmlichen Turnverein zu einem professionellen Dienstleistungsbetrieb umbauen. Und das zu einem Zeitpunkt, als der TVU „ad interim“ geführt wurde, konnte doch an den GV’s von 1985 und 1986 kein Zentralpräsident gewählt werden. Erst 1987 liess sich der damalige Zürcher Gemeinderat Karl Kübler, nicht zuletzt dank der Hartnäckigkeit von Franz Kälin überreden, das Zentralpräsidium des TVU zu übernehmen. In der Folge harmonierte das K+K-Duo Kübler/Kälin hervorragend und lies seine Handschrift auch in den Vorbereitungen für das 125 Jahre-Jubiläum des TVU 1989 erkennen. Am Ende jenes Jahres wurde Franz Kälin für seine grossartigen Leistungen zum TVU-Ehrenmitglied ernannt.

Als Organisationstalent überall dabei
Organisieren lag Franz im Blut, und so erstaunt es nicht, dass er auch an der Wiege von zwei Laufveranstaltungen stand, welche heute zu eigentlichen Prestige-Objekten in Verbindung mit dem TVU geworden sind. Beim Silvesterlauf und bei Zürich Marathon war es nicht zuletzt seinem Wissen und seinen Verbindungen zu verdanken, dass die „Kinderkrankheiten“ bald auskuriert werden konnten und später zwei stämmige Veranstaltungen daraus wurden.
Weil Franz Kälin schon in Einsiedeln mit der Turnertradition in Kontakt gekommen war, wusste er, wieviel ein Turnfestbesuch in einem Verein bewirken kann. So stellte er sich denn auch1984 bis 1987 als Oberturner zur Verfügung und begann gleich mit dem Eidgenössischen Turnfest in Winterthur, wo er mit Leichtathleten, Handballern und einer Gymnastikgruppe den Sektionswettkampf bestritt. Beim Städtischen Turnfest 1986 in Wiedikon und dem „Kantonalen“ 1987 in Wetzikon wollte er dann mehr. Mit einer reinen Leichtathletiksektion siegte der TVU jeweils in der 1. Stärkeklasse, 1987 sogar mit dem Bestresultat aller Sektionen. Das brachte ihm viel Goodwill ein im Gesamtverein, auch wenn die alte TVU-Turnfesttradition nicht mehr zu retten war.

Neuorientierung beim ZSC und Rückkehr
Die Talente von Franz Kälin als gewiefter Sport­manager und Organisator blieben auch ausserhalb des TVU nicht unbemerkt, und als der ZSC Franz eine Stelle als Geschäftsführer eines Grossclubs zu natürlich wesentlich besseren Konditionen anbot, sagte Franz zu und wirkte ab 1995 hauptamtlich beim Zürcher Eishockeyclub in der Geschäftsleitung, und das genauso erfolgreich, wie vorher im TVU. «Der Unterschied zwischen den beiden Vereinen sei eigentlich nur, dass es im Budget des ZSC vor dem Komma ein paar Nullen mehr habe», war seine verschmitzte Analyse … Dem TVU blieb er aber im Zentralvorstand noch einige Zeit als Vizepräsident erhalten, bis er dann an der DV 1997 endgültig zurücktrat.
Nach seiner Pensionierung bei den Eishockeyanern, deren erste Mannschaft er aber nach wie vor fitnessmässig betreute, hatte Franz wieder mehr Zeit für seine Kontakte zum TVU, und er kam gerade zurecht, als für das Jubiläumsjahr 2014 (150 Jahre TVU) ein Zentral-OK zusammengestellt wurde, das sich hauptsächlich auf die schon 25 Jahre vorher erfolgreiche Crew stützte und in der Folge auch sofort wieder problemlos funktionierte. Dazu kam, dass der Verein Zürcher Silvesterlauf einen neuen Präsidenten brauchte, und wer wäre da besser prädestiniert gewesen, als einer der „Gründerväter“ dieser Veranstaltung fast vierzig Jahre zuvor.
Körperlich beneidenswert fit, erteilte er weiterhin seine wöchentlichen Fitnesslektionen im Sihlhölzli und bewies auch als Langläufer und auf dem Velo regelmässig, wie gesund man mit über Siebzig noch das Leben geniessen konnte. Umso unfassbarer war deshalb sein plötzlicher Tod auf einer Velotour.

Die TVU-Familie kondoliert seiner Partnerin Annette sowie seinen Geschwistern und deren Familien aus tiefem Herzen und versichert sie unserer grossen Trauer über den Verlust eines liebenswürdigen und einsatzbereiten Turnkameraden, der sehr viel für unseren Verein getan hat.
Wir sind Franz dankbar für alles, was er im TVU bewirkt und gehegt hat und für seine treue Freundschaft während einem halben Jahrhundert.

Peter Tobler