Nachruf für Ehrenpräsident Reto Caminada

Reto Caminada † (13.9.1944 – 18.9.2017)
Der TVU trauert um einen einzigartigen Untersträssler


Es war eine bizarre Situation an jenem 26. Januar 2017, als Reto Caminada zum letzten Mal als TVU-Präsident eine Delegiertenversammlung geleitet hatte und zum Schluss als Dank für 23 Präsidialjahre zum Ehrenpräsident ernannt wurde.Ich durfte dabei die Laudatio halten und wusste doch als einziger ausserhalb von Retos Familie von seiner kürzlich diagnostizierten unheilbaren Krebserkrankung, welche ihm nur noch wenige Monate zu leben verhiess. Ich sollte, wenn die DV vorbei sein würde, die TVU-Mitglieder über diese unheilvolle Entwicklung orientieren. Damit war Reto und mir damals schon klar, dass jene Laudatio in Tat und Wahrheit eigentlich ein vorgezogener Nachruf sein würde.
Und doch war Reto die Freude über diese im TVU sehr seltene Ehrung anzusehen, und die Dankbarkeit des Vereins für seine Leistung berührte ihn zutiefst. Dass er sich äusserlich kaum etwas anmerken liess, war typisch Reto, ebenso wie sein Wunsch, die TVU-Familie über seinen Gesundheitszustand nicht im Ungewissen bleiben zu lassen. Er war ein Realist, der mit jeder Situation umzugehen wusste, und insofern ging er seinen letzten Lebensweg unerschütterlich und unerschrocken. Seine noch anstehenden Aufgaben wollte er erledigen, solange ihm das noch möglich war, und auch die Verbindung mit seinen Freunden liess er nie abbrechen. Dass das Schicksal ihn in den letzten drei Monaten mit einem schweren Herzinfarkt und einem Hirnschlag noch zusätzlich plagte, ist eine der Ungerechtigkeiten, die wir nie verstehen werden.

Reto Caminadas Wirken im TVU
Reto trat 1968, als 24jähriger Spitzensportler dem TVU bei. Er war zuvor vom Juniorenalter an Eishockeyspieler im ZSC gewesen. Nach Abschluss seines Bauingenieur-Studiums beschloss er, sich sportlich zu verändern und trat zusammen mit seinem Freund Bruno Seiler dem TVU-Handball bei. Dabei wurde er in der ersten Mannschaft sofort Stammspieler auf dem Grossfeld und in der Halle, und er zeigte seine Führungskraft bald einmal als Captain dieser Teams, die er während sieben Jahren führte.
1980 übernahm er nach verschiedenen anderen Vorstands-Chargen das Präsidium der TVU Handballabteilung, welche er ebenfalls während sieben Jahren erfolgreich führte. 1987, bereits seit zwei Jahren Ehrennadelträger der Handballer, trat Reto als Handball-Präsident zurück, blieb aber als Aktuar weiterhin in deren Vorstand vertreten.
Im Hinblick auf das TVU-Jubiläumsjahr 1989 war man im Gesamtverein auf Reto aufmerksam geworden und berief ihn ins Jubiläums-OK. Dort war er für den Jubiläumsakt und den Galaabend verantwortlich und lieferte in Sachen Planung und Durchführung ein Meisterstück ab.
Damit war Reto 1989, am Galaabend im Dezember 1989 reif, in die Garde der TVU-Ehrenmitglieder aufgenommen zu werden. Dabei war diese verdiente Ehrung für Reto aber kein Grund, sich zurückzulehnen und die Beine zu strecken.
Als an der DV 1994 der damalige Präsident Karl Kübler seinen Rücktritt vollzog, gab es eigentlich nur einen, der Nachfolger werden konnte – natürlich Reto Caminada, bestens ausgewiesen und in vielen Ämtern erfolgreich erprobt! Und zum grossen Glück für den TVU liess sich Reto dieses Amt «anhängen». Nicht etwa widerwillig, weil es halt sein musste, sondern voller Elan und mit haufenweise neuen Ideen.
In einem ersten Gespräch mit der TVU-Chronik skizzierte er damals sein Credo, das er während 23 Jahren hochhielt: «Das Gemeinsame betonen». «Kamerad sein in allen Lebenslagen», das lebte er kompromisslos vor.

Zentralpräsident ist kein „Zuckerschlecken“
Als Zentralpräsident des TVU musste er schon bald feststellen, dass nicht alle Vereine seinem Gedanken von der Gemeinsamkeit folgen wollten, und dass zwischen Theorie und Praxis ein grosser Unterschied bestehen kann. Immer wieder gab es Probleme, sei es in einzelnen Vereinen selbst, welche sich schwer taten mit der Organisation und mit den Richtzielen, welche sie sich stecken wollten, oder im Verhältnis von Zentralvorstand und einzelnen Vereinen, welche entweder mehr Selbständigkeit oder finanzielle Unabhängigkeit begehrten. Vielfach wurde Retos Gemeinschafts- und Kameradschaftssinn auf eine harte Probe gestellt. Aber immer wieder schaffte er es, die Unruheherde zu besänftigen oder Krisen beizulegen.
Aber es gab für Reto auch viele beglückende Momente im Vereinsleben. So war etwa das stetige Gedeihen des Silvesterlaufs, bis hin zur zweitgrössten Laufveranstaltung der Schweiz, sein besonderer Stolz, und es war für Reto nur natürlich, dass er auch dort noch mit einer Vorstandsposition mithalf. Er wurde Rechnungsführer des Vereins Zürcher Silvesterlauf.
Selbstverständlich unterstützte Reto auch die Bestrebungen, im ganzen TVU für die älteren Kameradinnen und Kameraden ein attraktives Gefäss zur Kameradschaftspflege zu eröffnen und aus der ehemaligen «Männergesellschaft» der Veteranengruppe im TVU 60plus einen attraktiven Treffpunkt für aktive Frauen und Männer über Sechzig zu schaffen. In letzter Konsequenz wurde die ehemalige Veteranengruppe als TVU 60plus 2016 dann zu einem eigenständigen TVU-Verein gemacht.

Karriere-Höhepunkt: das Jubiläumsjahr 2014
2014 beging der TV Unterstrass seinen 150. Geburtstag, und dieses Jubiläum sollte doch gebührend gefeiert werden. Lange war allerdings im TVU kein grosses Festfieber festzustellen, denn so ein Jubiläumsjahr bedeutete ziemlich viel Mehrarbeit. Das war den meisten Leuten klar. Es brauchte auch hier wieder den grossen Optimisten Caminada, der Schwung in die Sache brachte. Schliesslich hatte er ja 1989 schon einmal erlebt, wie ein solches Jubiläumsjahr einen Verein prägen kann. So stellte er ein Kern-OK zusammen mit Leuten, die schon vor 25 Jahren mass­gebend mitgearbeitet hatten, und diese Fünfergruppe machte sich nun daran, den Jubiläumsgeist im TVU zu verbreiten.
Mit der Idee, bestehende TVU-Anlässe ins Jubiläumsprogramm zu integrieren und für junge, mittlere und ältere Generation je einen Anlass zu organisieren, um dann das Jubiläumsjahr mit einer grossen Gala in einem Zirkus ausklingen zu lassen, vermochte man auch die Mitgliedvereine zu überzeugen, so dass schliesslich ein Jubiläum mit erheblicher Breitenwirkung nach innen und nach aussen entstand. Die Genugtuung bei Reto war am Ende des Jahres 2014 riesengross. Da war sie gewesen, diese Gemeinsamkeit, welche Grosses zu schaffen vermochte.
Niemand wäre erstaunt gewesen, wenn Reto nach dieser Parforceleistung den Rückzug aus dem Amt des Zentralpräsidenten bekannt gegeben hätte, aber da waren noch die Statuten, die dringend noch erneuert werden mussten. Die hatten sich nämlich seit 1990 schon ziemlich weit von der Wirklichkeit entfernt. Während fast einem Jahr beschäftigte sich eine Kommission damit, neue Ideen in Worte und Artikel zu fassen, und es gelang, mit viel Einsatz zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen. Dass an der Delegiertenversammlung 2016 die neuen Statuten diskussionslos angenommen wurden, obwohl sie gegenüber früher wirklich substanzielle Änderungen enthielten, war ein grosses Verdienst des Zentralpräsidenten.

Rücktritt gesundheitlich bedingt
In der Mitte seines 23. Amtsjahres waren es dann leider gravierende gesundheitliche Probleme, welche bei Reto den Entschluss für einen Rückzug aus dem Amt des Präsidenten unabdingbar mach­ten. Dabei war damals von der niederschmetternden Krebsdiagnose noch gar keine Rede.
Die frühe Bekanntgabe seines Rücktritts half aber mit, fristgerecht einen Nachfolger als TVU-Präsident zu finden. An der Delegiertenversammlung, die seinen Nachfolger wählte, wusste Reto aber schon, dass es die letzte Versammlung sein würde, die er noch erleben durfte.

Unendliche Dankbarkeit
Es können nur wenige Leute ermessen, was Reto dem TVU in über 40 Jahren in vielen Funktionen an Schaffenskraft und Zeit geschenkt hat. Ganz besonders aber in den 23 Präsidialjahren hat er sich für seinen Verein eingesetzt, ohne sich jemals zu schonen. Dafür sind ihm die TVU-Mitglieder und Vorstände auf allen Stufen unendlich dankbar, und Reto konnte die Gewissheit in den Tod mitnehmen, dass er mit seinem persönlichen Einsatz den TVU nachhaltig beschenkt und vielleicht sogar vor dem Auseinanderbrechen bewahrt hatte.

Das war ganz grosse Klasse Reto! Danke, Danke, Danke!

Peter Tobler