Leichtathletik: WM-Splitter aus London

Leichtathletik WM 2017: Ein Anlass zur besten TV-Sendezeit
Für einmal konnten sich die Leichtathletik-Fans nicht beklagen. Die diesjährigen Weltmeisterschaften in London wurden zur Hauptsache am Abend entschieden, und das Schweizer Fernsehen übertrug die Wettkämpfe integral, so dass die Bilder am Abend zur besten Sendezeit ab 20 Uhr in die heimischen Stuben flimmerten. Man konnte also 10 Tage lang sämtliche Wettkämpfe beobachten, und weil SRF zusätzlich spezielle Kameras auf die Schweizer Delegation richtete, bekam man von diesen WM so viel mit, wie schon lange nicht mehr. Man konnte sich dadurch gerade von den Leistungen der Schweizerinnen und Schweizern ein Bild machen, als wäre man im Stadion dabei gewesen.
Erfreulicherweise waren mit Petra Fontanive über 400m Hürden und der für Island startenden Speerwerferin Asdis Hjalmsdottir auch zwei Athletinnen des LAC TVU am Start. Sie erreichten dabei durchaus erfreuliche Resultate, wenn gleich sie sich selbst noch mehr erhofft hatten. Damit waren sie so ziemlich das Ebenbild der Schweizer Delegation im Ganzen.

Die Schweizer/innen: guter Durchschnitt, ohne wesentliche Höhepunkte
Die Schweizer Bilanz zu den 16 Athletinnen und 3 Athleten fällt zwiespältig aus, aber um es klar zu sagen, wie meist bei internationalen Meisterschaften: gut Schweizerisch, solid, aber ohne Ausreisser nach oben, wenn man einmal die 4x100m Frauenstaffel und die Siebenkämpferin Géraldine Ruckstuhl ausnimmt, welche das für sie mögliche Optimum erreichten.
Sonst verlief alles, vom ersten Wettkampftag an meistens nach dem gleichen Schema:
In den Qualifikationswettkämpfen enttäuschte niemand und man ging mit viel Optimismus in die nächste Runde, wo dann aber fast durchwegs das «Aus» kam. Es hatte nicht viel gefehlt, nur ein wenig Glück oder der «letzte Zwick an der Geissel», um über sich hinauszuwachsen. Und jene, die die zweite Runde überstanden und den Final erreichten, denen ging es dort genauso. Ich habe noch nie in den Interviews nach den Wettkämpfen so oft von Schweizer Athletinnen und Athleten die Aussage gehört: «Schade – heute wäre mehr drin gelegen. Die Voraussetzungen waren perfekt.» Das zeugt zwar von einem gesteigerten Selbstvertrauen, aber gleichzeitig auch von einer gewissen Fehleinschätzung der eigenen Wettkampfbereitschaft. In diesem Wort ist eben die Bezeichnung «Kampf» vorhanden, und das ist nun einmal in den meisten Schweizer Sportarten ein Fremdwort. In der Leichtathletik zeigt sich dies auf der Rundbahn im fehlenden «Kick» auf den letzten 50m der Strecke. Reihenweise wurden dort hervorragende Ausgangslagen noch vergeben. Ob im Sprint oder auf den längeren Distanzen, ob bei den Männern oder bei den Frauen, stets gab es Gegner/innen, welche sich mit unbändigem Kampfgeist den Schweizern vor die Sonne stellten.

Schweiz ein Hort über 400m Hürden (von Bruno Galliker bis Petra Fontanive: Weltklasse aus dem TVU)
Es gibt wohl keine Leichtathletikdisziplin, in der die Schweiz im Laufe der letzten 50 Jahre so viele Athletinnen und Athleten auf Weltklasse-Niveau herausgebracht hat, wie über die 400m Hürden. Angefangen 1958 mit Bruno Galliker über Hansjörg Wirz, Franz Meier, François Aumas, Marcel Schelbert bis Kariem Hussein bei den Männern oder Anita Protti, Petra Fontanive und Lea Sprunger bei den Frauen. In diesem Jahr waren in London mit Fontanive, Sprunger, der jungen Yasmin Giger und Hussein gleich vier Teilnehmer aus unserm Land dabei und überstanden mehrheitlich die erste Runde. Die 400m Hürden werden immer auch als die «Galeere der Leichtathletik» bezeichnet, in Anspielung auf die Komplexität der Disziplin, die auf fast allen Gebieten extreme Anstrengungen fordert. Verlangt sind Schnelligkeit, Rhythmusgefühl, Technik (über den Hürden), Kraft, Stehvermögen und Improvisationstalent. Und hier liegt vielleicht des Rätsels Lösung! Über 400m Hürden ist weltweit die Konkurrenz um einiges kleiner, als auf den flachen Strecken, denn bis sich jemand dazu entschliesst, diese Disziplin kompromisslos zu trainieren, muss schon einiges zusammenkommen. Deshalb sind, wenn man sich dieser «Galeere» mit Haut und Haar verschrieben hat, auch grosse Leistungssprünge und schöne Erfolge zu erreichen. Allerdings muss man dafür auch im Wettkampf während mindestens 350 von 400m jedes Mal voll durchlaufen, denn das korrekte Anlaufen der Hürden duldet keine Kompromisse, sonst stimmt die Schrittfolge nicht. Man kann nicht taktieren, und auf die Konkurrenz schielen schon gar nicht. Und ausgerechnet daran sind unsere Läuferinnen und Läufer an diesen WM gescheitert. Sie liessen sich in den entscheidenden Rennen durch schnell gestartete Gegner aus dem Tritt bringen und büssten das dann sofort mit einem verpatzten Rhythmus. Und die Reaktionen: «Schade, es wäre diesmal mehr drin gelegen!» Sehr richtig!

Die Sprintstrecken sind zu lang…
Würden die Sprints bei den Männern und Frauen nur über 70m oder 150m gelaufen, dann hätten wir in London mit Finalplätzen rechnen können, denn über die vollen Distanzen gingen unsern Hoffnungsträger Mujinga Kambundji und Alex Wilson regelmässig der Sprit aus, und während die Gegnerschaft auf den letzten, entscheidenden Metern den üblichen Tempoverlust in Grenzen halten konnte, starben unsere Cracks den Heldentod und «gingen buchstäblich ein». Und dabei war es doch zwei Wochen vorher bei den Schweizermeisterschaften noch ganz anders gewesen… Anders waren vor allem die Konkurrenz und die psychologische Einstellung. Von der Spitze aus zu laufen, ist eben etwas anderes, als Seite an Seite mit gleichwertigen oder besseren Sprintern. Schade, es wäre in London mehr drin gelegen.

Der Wind, das unterschätzte Phänomen
Einer, der im Kampf um die Aufmerksamkeit in den Leichtathletikstadien ein Schattendasein fristet, aber eine sehr bedeutende Rolle spielt, ist der Wind. Wenn nicht gerade ein Weltrekord wegen zu starkem Rückenwind nicht gewertet werden kann, ist der Wind kaum je ein Thema – völlig zu Unrecht! Seit ab 2011 in den kurzen Läufen die Unsitte mit den drei Halbfinals eingeführt wurde (je zwei Beste und die zwei schnellsten Ausgeschiedenen aus allen drei Läufen qualifizieren sich für den Final), vergleicht man bei den sogenannten «Lucky Losern» stets Äpfel mit Birnen, weil die Windverhältnisse einen sehr grossen Einfluss haben. So wurde in diesem Jahr über 100m Mujinga Kambudji ein Opfer der Verhältnisse mit einem Lauf bei 0.2m/s Gegenwind, während die Konkurrenz in den beiden anderen Halbfinals von bis zu 0.8m/s Rückenwind profitierte. Und bei einem erwiesenen Wert von 1 Zehntelsekunde pro 1m/s Wind (positiv und negativ) liess sich leicht ausrechnen, dass bei einem auf 0 neutralisierten Windwert, Kambundji die 8. Finalisten gewesen wären. Dasselbe galt über 200m auch für den Franzosen Lemaitre, der bei seinem Gegenwindlauf nicht mit den Läufern aus der ersten Serie mithalten konnte, welche von 2.1m/s Rückenwind profitiert hatten.
Den Fairnesspreis wird die IAAF mit dieser Regelung nie gewinnen!
Aber auch der 100m Final der Männer hatte seine Leidensgeschichte. So wurde, kaum waren die Läufer im Ziel, von den Kommentatoren «die Nase gerümpft», ob der schwachen Zeiten des Medaillen-Trios mit 9.92 bis 9.95 Sekunden. Dabei wäre man dem Publikum doch die Erklärung schuldig gewesen, dass wenn die Läufer in die andere Richtung gelaufen, resp. wenn statt 0,8m Gegenwind ein Rückenwind von gleicher Stärke geweht hätte, die Resultate von 9,76 – 9,79 aufgeleuchtet wären, und das bei absolut identischer Leistung. Und alle Kommentatoren wären begeistert gewesen.
Aber weil man den Wind im Stadion halt nicht sieht, existiert er offenbar auch nicht…

Peter Tobler

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