86 Jahre Skiriege TVU – ein Abgesang

Erinnerungen an die TVU-Skiriege
Seit dem 30. Januar 2018 ist die ehemalige Skiriege des TV Unterstrass nur noch «Geschichte». Sie wurde aufgelöst, weil sie keine Zukunftsperspektive mehr hatte, und weil sich niemand mehr fand, der den Karren ziehen wollte.
Dieses Malaise zog sich schon einige Jahre dahin, und mit der Auflösung wurde das Schicksal dieser Traditionsinstanz im TVU endgültig besiegelt. Was bleibt, sind die schönen Erinnerungen, allgemein und ganz persönlich, von vielen Generationen von Untersträsslerinnen und Untersträsslern.

Untersträssler als Skipioniere in der Stadt Zürich
Es war Mitte der Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, also mitten in der grossen Krisenzeit nach dem zweiten Weltkrieg, als sich junge Turner aus dem TV Unterstrass zusammentaten, um dem Skifahren als neuem Wintervergnügen zu frönen. Die Wegbereiter waren Edi Schläpfer, Hans Brändli, Emil Schweizer und drei weitere Kollegen, welche 1924 eine Winterturnfahrt mit Ski auf den Etzel unternahmen. Vom wundervollen Erlebnis überwältigt, beschlossen sie, den Skisport in ihrem Turnverein, dem TVU, zu fördern und zu propagieren. Und sie trafen dabei auf einige junge, knapp zwanzig Jahre alte Burschen, welche sich sofort von diesem Ski-Virus anstecken liessen. Dier ersten Bilder, die uns erhalten geblieben sind, datieren aus dem Jahr 1929 und zeigen diese skibegeisterten jungen Männer, deren Namen später auch in anderen Funktionen im TVU für Schlagzeilen sorgten.
Diese junge Garde wollte sich aber nicht einfach mit dem Skifahren als Erholung und Naturgenuss begnügen, sondern strebte auch nach Leistungsvergleichen mit anderen Skifahrern. Dafür aber benötigten sie im TVU auch die nötigen Strukturen, und sie bemühten sich daher beim Stammverein um die Gründung einer eigenen Riege, eben der Skiriege des TVU. Das kam zwar nicht überall gut an, aber Edi Schläpfer erwies sich als durchschlagskräftiger Initiant, der schliesslich den TVU-Vorstand von seinen Ideen zu überzeugen vermochte. Er leitete am 16. April 1932 auch die Gründungsversammlung, die von 16 Mitgliedern besucht war. Ein halbes Jahr später nahmen schon 24 Mitglieder an einer Versammlung teil, und es konnten gleich weitere 15 Neueintritte verbucht werden. Dabei schloss sich die Skiriege auch dem Schweizer Skiverband SSV als Mitglied an und schuf so die Voraussetzung für die landesweite Teilnahme ihrer Mitglieder an den immer zahlreicher werdenden Skiwettkämpfen in der Schweiz.

Das TVU-Skihaus auf dem Stoos als Kristallisationspunkt
Schon 1930 hatte der Stammverein auf dem Stoos ob Schwyz eine alte Hütte im Plätz unterhalb der Blüemlisegg gemietet, wo die Untersträssler an den Wochenenden eine Unterkunft fanden, um ihrem Sport zu frönen. Nach der Gründung der Skiriege übernahm diese mit Unterstützung des Stammvereins den Betrieb dieser Hütte, und Hans Bader wurde erster «Hüttenwart». Dazu wurde ein sogenannter Hüttenfonds angelegt, um später einmal etwas Eigenes auf die Beine stellen zu können. Als 1936 im Februar die bereits viel zu kleine Plätz-Hütte aus ungeklärten Gründen abbrannte, war man mit den Vorbereitungsarbeiten für ein neues Haus schon so weit fortgeschritten, dass im November des gleichen Jahres auf Blüemliegg, dem «Hoger», etwa 80m höher als der Plätz, Aufrichte für das neue Skihaus Blüemlisegg des TVU gefeiert werden konnte. Turbos waren hier Melch Schindler als Architekt und Hans Bader als Bauleiter. Die finanzielle Sicherheit holte man sich bei den Mitgliedern aus dem ganzen TVU, welche sogenannte Anteilscheine erwarben, die dann in späteren Jahren meist, anstatt ausbezahlt, dem TVU-Skihaus geschenkt wurden.
Dieses Skihaus auf dem Stoos wurde im nächsten halben Jahrhundert zu einem wichtigen Kristallisationspunkt des Untersträssler Vereinslebens und war zugleich einer von zwei Treffpunkten, wo sich die Turnerinnen und Turner aus dem Quartier Unterstrass treffen konnten, denn der Damenturnverein und der Turnverein waren ja zwei eigenständige Vereine, die sich nur wenige Schnittpunkte, wie zum Beispiel die gemeinsame Abendunterhaltung «Chränzli» und eben die Skiriege leisteten. Hier hatten im TVU bis Mitte der Sechzigerjahre die Frauen die einzige Chance, Mitglied zu werden, aber nur als Mitglieder des DTVU. Und auf dem Stoos als gemeinsamen Treffpunkt begannen ungezählte Romanzen im TVU/DTVU, von denen viele auf dem Standesamt landeten. Das Leben im Skihaus Blüemlisegg erfüllte deshalb eine sehr wichtige soziale Funktion in der Geschichte des TVU.

Der TVU als Langlauf-Macht in der Schweiz
Parallel zur Geschichte des Skihauses strebten die TVU-Skifahrer aber auch in den verschiedensten Wettkämpfen nach Höherem. Auf dem Stoos fand man optimale Trainingsbedingungen für den Langlauf und die alpinen Disziplinen, und 1963 erweiterte man das sportliche Spektrum durch den Bau einer eigenen Sprungschanze, auf der man bis zu 40m weit fliegen konnte. Es waren aber vor allem die Langläufer, welche landesweit für Aufsehen sorgten, als sie sich 1936 in Wildhaus erstmals den Schweizermeistertitel in der prestigeträchtigen Langlaufstaffette sicherten und dies 1941 in Grindelwald wiederholten. 1936 konnte sich die langläuferische Nummer 1 im TVU, Ernst Berger sogar für die Olympischen Spiele in Garmisch qualifizieren und dort den TVU ehrenvoll vertreten.
Später wichen diese ganz grossen Langlauf-Erfolge den wichtigen Triumphen an den eben­so umkämpften Turnerskitagen, welche mittlerweile vom ETV und den Kantonalverbänden eingeführt worden waren, um den «Amateuren» aus dem Turnerlager der «Flachländer» erfolgversprechende Perspektiven jenseits der immer überlegener werdenden «Bergler» zu ermöglichen. Diese Mannschaftswettkämpfe umfassten jeweils einen Langlauf und eine Abfahrt oder Riesenslalom. So wollte man sich in echter Turnertradition der sich anbahnenden Spezialisierung entgegenstellen. Auch hier gelang dem TVU manch «historischer» Sieg, und auch bei der Organisation von solchen Anlässen auf dem Stoos zeigte sich der TVU im besten Licht. Dazu konnte damit auch die Kasse gefüllt werden, um die Wettkämpfer einigermassen sanft zu unterstützen.

Ein voll befrachteter Terminkalender übers ganze Jahr
Wer die Terminkalender aus der Blütezeit der TVU-Skiriege zwischen 1945 und 1970 betrachtet, der staunt ob der Vielfältigkeit der Angebote. Neben Dutzenden von Startmöglichkeiten bei Wettkämpfen kamen die sehr beliebten Skitouren dazu, mit den jeweiligen Höhepunkten der Fahrt ins Weisse oder des Osterlagers, und nicht selten stand auch ein «Viertausender» auf dem Tourenprogramm eines Jahres. Dazu kamen die von der Skiriege organisierten Wettkämpfe, entweder auf dem Stoos oder auf dem Üetliberg, wo inzwischen unter der Führung von Ernst Berger ebenfalls eine Sprungschanze, etwa mit den gleichen Ausmassen wie jene auf dem Stoos, entstanden war.
Das Leben im Winterhalbjahr war für viele Untersträssler Skifahrer fast vollständig verplant, auch mit vielen Wochenenden oder Ferientagen im Skihaus auf dem Stoos. So waren die skifahrenden Turner dann gerüstet dafür, wenn sie im Sommer vom Stammverein wieder für die Teilnahme an den Turnfesten «eingespannt» wurden… Damit war aber auch das so wichtige Sommertraining im Unterland bereits eingeläutet, und viele der aktiven Langläufer trainierten dabei mit den Leichtathleten und nahmen bei ihnen auch an den entsprechenden Wettkämpfen teil. Dazu entdeckten die Skiriegler/innen ab etwa 1950 auf breiter Front eine aus dem Norden Europas kommende Sportart – den Orientierungslauf, kurz OL genannt. So führten Ernst Berger und Ernst Tobler 1953 auf der Zürcher Waid den ersten TVU-OL durch, einen Anlass, der sich innert kurzer Zeit zu einem beliebten Herbst-Treffpunkt aller Untersträssler/innen mauserte, genauso wie im Frühjahr als Winterabschluss die TVU-Skimeisterschaft auf dem Stoos, immer noch mit der vielseitigen Viererkombination, bestehend aus Langlauf, Skisprung, Abfahrt und Slalom. Im ETV, und damit auch im TVU, beherrschte eben lange Zeit das Ideal von der Vielseitigkeit das Denken der Traditionalisten.

Niedergang ausgerechnet während des Langlauf-Booms
Der Niedergang der TVU-Skiriege setzte schleichend ausgerechnet zu einer Zeit ein, wo in der Schweiz im Nachgang zu den Olympischen Erfolgen der Schweizer Langläufer 1968 und 1972 ein wahrer Boom in dieser früher eher belächelten Sportart einsetzte. Sepp Haas, Wisel Kälin und die Schweizer Langlaufstaffel von Sapporo legten den Grundstein zu den damals explosionsartig aufkommenden Volksläufen in allen Gebieten der Schweiz, auf nun maschinell präparierten Langlaufloipen. Die von Fuss zu präparierende Loipe im «Finnenwäldli» auf dem Stoos verlor so rasch an Attraktivität. Es entstand eine Langlaufkultur, die frei von Lizenzgebühren des Schweizer Verbandes war, so dass eine Mitgliedschaft im SSV und auch in einem Skiclub nicht mehr zwingend nötig war, um diesen Sport auszuüben. Das zeigte sich auch in den Mitgliederzahlen der Skiriege, die zwischen 1970 (fast 250 Mitglieder) und 1980 einen ersten Aderlass von fast 100 Mitgliedern erlebte, und dieser Trend setzte sich in der Folge bis fast zum Ausbluten anfangs des 21. Jahrhunderts fort. Dieser Rückgang wurde auch dadurch befördert, dass der SSV im Zuge der Professionalisierung des Skisports seine Gebühren mehr als verdoppelte, worauf sich viele Mitglieder entrüstet abwendeten. Hinzu kam, dass für die Alpinskifahrer mit ihren neuen Ausrüstungen und marsch-untüchtigen Skischuhen das abgelegene Skihaus auf dem Stoos jegliche Anziehungskraft vermissen liess, und die Auslastung immer schlechter wurde, bis 1986 im TVU die Reissleine gezogen und das Skihaus 50 Jahre nach seiner Einweihung verkauft wurde. Damit fehlte der Skiriege (mittlerweile in Ski Club umgetauft) plötzlich das Herzstück, und die Atmosphäre im TVU war ob dieses Verlusts zeitweise ziemlich vergiftet.
Der Ski Club wurde in diesen Jahren zwar noch von den Nachkommen der Skiriegen-Gründer geführt und am Leben erhalten, aber der Mitgliederschwund führte zu einer unübersehbaren Überalterung der nun als TVU-Verein funktionierenden ehemaligen Riege. Wenn das Durchschnittsalter der GV-Besucher deutlich jenseits der 70 Jahre-Grenze liegt, kann etwas nicht mehr stimmen, und hätten nicht mit Armin Caspari (zum zweiten Mal) und nach seinem Tod, Hans Seeholzer als Präsidenten und Zugpferde gewirkt, so wäre das Ende der Skiriege wohl noch vor ihrem 75. Geburtstag im Jahre 2006 unvermeidlich gewesen. Nach dem unerwarteten Lawinentod von Hans Seeholzer im Sommer 2012 schleppten die übrigen Vorstands­mitglieder nach z.T. über 30jähriger Vorstandstätigkeit den «Karren» noch drei Jahre weiter, ohne jede Aussicht, Nachfolger zu finden. So entschlossen sie sich, auf die GV 2015 hin den Ski Club aufzulösen. Da fanden sich an jener GV aber im letzten Augenblick drei Studenten, welche anboten, den Vorstand zu übernehmen, was ihnen trotz grösster Bedenken auch gestattet wurde. Es kam dann allerdings wie es kommen musste, denn nach einem weiteren Aderlass von Mitgliedern auf nunmehr noch rund vierzig «Nostalgiker», kam zwei Jahre später dann das endgültige Aus wirklich nicht mehr überraschend. Die nötige a.o. Generalversammlung beschloss innert fünf Minuten die unumgängliche Auflösung des Ski Clubs und den Transfer der noch verbliebenen Mitglieder zum (altersgerechten) TVU 60plus.

Schön war die Zeit – so schön!
Mit der Zeile eines Schlagers von Freddy Quinn, der in den Fünfzigerjahren im Skihaus auf dem Stoos, als eine der wenigen vorhandenen Langspielplatten, immer wieder abgespielt wurde, kann der persönliche Rückblick auf die Skiriegenzeit am präzisesten wiedergegeben werden. Die Erinnerungen werden den Verein überleben und ihn, wie überall üblich, in den Rückblicken in immer besserem Licht erscheinen lassen, je grösser die zeitliche Distanz wird.
Kurioser Weise wird in den verschiedenen Skiriegen-Festschriften die Geburt der Skiriege an nicht weniger als drei verschiedene Jahreszahlen geknüpft. Nach 25 Jahren sprach man von der Gründung im Jahre 1930, zusammen mit dem Kauf der Plätz-Hütte. In den Festschriften 50 Jahre (1981) und 75 Jahre (2006) wird jeweils das Jahr 1931 als Geburtsjahr angenommen. In der Jubiläumsschrift des TVU von 1939 (75 Jahre TVU) wird allerdings das Datum der Gründungsversammlung auf den Tag genau angegeben: 16. April 1932. Das heisst, dass die Skiriege am 30. Januar 2018, dem Tag der Auflösung, exakt 85 Jahre und 289 Tage lang existiert hat. Das ist immerhin ein schönes Alter, und wir lassen sie in Dankbarkeit ziehen für alles, was sie uns in dieser Zeit gegeben hat.

Peter Tobler (Skiriegenmitglied von 1960 bis 2015)

–  Rückspiegel von 2011 zum TVU-Skihaus